Ein Vierpfünder. Eine echte Schwarte liegt vor uns: mehr als 1300 eng gesetzte Dünndruckseiten mit den 1522 Jazzkolumnen, die der Schweizer Autor und Friedrich-Dürrenmatt-Biograf Peter Rüedi im wöchentlichen Rhythmus für die Schweizer Weltwoche verfasste und jetzt frisch überarbeitet hat – ein wilder Ritt durch die Jazzgeschichte vom September 1983 bis zum August 2013. Text, nichts als Text, nur zu jedem Jahrgangswechsel ein Foto, und siehe da: Die Summe der Mosaiksteine fügt sich zu einer höchst persönlichen Jazzgeschichtsschreibung, die bei all ihrer enzyklopädischen Dichte dem Leser seine eigenen Wege durch die kaum zu überschauende Menge der Veröffentlichungen abverlangt. Es sind Rüedis Jazzpassionen, die hier zur Sprache kommen: die "Survivors" der Jazzgeschichte, die immer weniger werden; die einst jungen Hüter der Flamme, die mittlerweile selbst ergraut sind; die Klangästheten aus dem ECM-Kosmos; der Jazz aus der Schweiz, an dessen Entwicklung in der Langzeitbeobachtung die segensreiche Wirkung wohldurchdachter kulturpolitischer Förderung klar zutage tritt.

Stolen Moments ist, der Titel legt es nahe, ein Buch der Momente, eines, das man nicht von vorne nach hinten durchliest, das vielmehr zum Blättern auffordert, vor und zurück, zum Suchen und Springen. Und schon befindet man sich mitten im Thema, im Jazz und im improvisierenden Lesen, mittendrin in der Herstellung von Bezügen und Querverweisen, die jeder Hörer und Leser für sich selbst vornehmen muss. Rüedi ist Liebhaber und Kenner und nicht zuletzt ein Poet, dem daran gelegen ist, auch in seiner Sprache Melodie, Groove und Atmosphäre zu beschwören. Seine Stärke liegt darin, die Musik, die ihm am Herzen liegt, in Verbindung zu bringen mit den materiellen und ideellen Welten, aus denen heraus sie entsteht, und damit ihre Existenzberechtigung als ein künstlerischer Reflex der Gegenwart zu unterstreichen.

Eine Zumutung sei dieses Buch, sagt Rüedi und meint damit seine schiere Fülle. In Wirklichkeit ist es ein Geschenk und ein immer wiederkehrender Grund, zum CD-Regal zu gehen und sich und der Musik einen gemeinsamen Augenblick zu gönnen. Gestohlene Momente? Ach was. Geschenktes Erleben.