Um 23.58 Uhr beschließe ich, meinen alten Sessel zum Sperrmüll zu stellen. Zwanzig Minuten später fasse ich den Plan, mein Bücherregal auszumisten. Der Gedanke, ich würde bereits gelesene Romane wie Mein Name sei Gantenbein oder Das Glasperlenspiel irgendwann erneut lesen, erscheint mir auf ein Mal geradezu lächerlich. Um 1.06 Uhr finde ich auch meinen Fernseher überflüssig. Wozu habe ich schließlich einen Computer?

Seit eineinhalb Stunden sitze ich aufrecht im Hotelbett, starre auf eine kahle Wand und versuche, Entscheidungen zu treffen, denn darum bin ich hier. Der kleine Entscheidungsraum heißt eine Arbeit des Künstlers Christian Jankowski, die den Betrachter zur Mitarbeit auffordert. Als Bestandteil der Ausstellung Room Service – Vom Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel, die derzeit in Baden-Baden gezeigt wird, hat Jankowski ein kleines Zimmer im noblen Brenners Park-Hotel reserviert, Tapeten, Teppiche, sämtliche Gegenstände daraus entfernen und den Raum weiß streichen lassen.

Wer das Zimmer mietet, erhält vorab einen Prospekt mit Einrichtungsgegenständen aus diversen Epochen. Man kann bestimmen, ob man ein komplettes Bett vorfinden möchte oder bloß eine Matratze, ob ein "Set mit Wellness-Amenities und Haartrockner" vorhanden sein soll oder ob man Shampoo und Reisefön von zu Hause mitbringt. Während der Nacht im selbst gewählten Ensemble soll man dann eine persönliche "Lebensentscheidung" treffen. Welche das ist, wird später unter einem Foto des Zimmers geschrieben stehen und so Teil des Kunstwerks sein.

Für mich klingt das Konzept perfekt. Die internationale Standard-Ausstattung von Hotels beruht meiner Ansicht nach sowieso auf einem Missverständnis. Dass die Mehrheit der Hotelgäste Wert auf einen Schreibtisch legt, mag ich nicht glauben. Genauso gut kann man doch auf dem Bett schreiben. Und wer benutzt heute noch Briefpapier oder eine Duschhaube? Jedes Mal ärgere ich mich auch über die gefälligen Wanddekorationen: liebliche Landschaften vor geblümter Tapete oder maritime Motive auf gelber Raufaser.

Drollige Hasen zwischen Butterblumen

Auch im Brenners Park-Hotel gibt es überall Blumenstillleben oder Jagdszenen. Nur nicht im Jankowski-Raum. Wer Zimmer 127 betritt, wird von der Plüschwelt eines Luxushotels unversehens in den kargen Kosmos des White Cube katapultiert. Gerade noch fuhr man in einem Aufzug mit gepolsterter Sitzbank, auf der drollige Hasen, Hunde und Schäfchen zwischen Butterblumen und Maiglöckchen posieren, schon steht man in einer Kammer, die mit ihrer schmucklosen Ausstattung an eine Mönchszelle erinnert. Alles, was sich heute darin befindet, habe ich ausgesucht: den roten Sessel, den Nachttisch im Zen-Stil, die Stehlampe mit dem schlanken Messingfuß. Beim Bestellen hatte ich mich fast gefühlt wie beim Einrichten einer neuen Wohnung.

Während man in anderen Hotelzimmern verdrängen muss, dass darin – womöglich nur Stunden zuvor – ein Fremder den Sessel vollgekrümelt oder seine fettigen Finger am Stoffschirm der Lampe abgewischt haben könnte, darf man bei Christian Jankowski entspannt sein: Dieses Zimmer existiert in diesem Zustand nur für eine einzige Nacht, nur für mich. Nicht einmal über Fussel im Teppich brauche ich mir Gedanken zu machen, es gibt ja keinen.