Falls dieser Artikel erscheint, wäre das immerhin ein Zeichen dafür, dass bei uns die Pressefreiheit immer noch besser funktioniert als in Russland. Dennoch bin ich verwundert über die Hysterie, die einen Teil der deutschen Medien in der Ukraine-Frage ergriffen hat.

Ich bin nicht für die Teilung der Ukraine, noch nicht einmal für die Abspaltung der Krim. Ich bin kein Unterstützer Putins. Und auch wenn ich glaube, dass Putin ein halbwegs legitimierter Präsident und, so seltsam das klingt, ein Glück für den Westen ist (weil der unkontrollierte Zerfall des Sowjetimperiums ein nicht zu kalkulierendes Risiko wäre), bin ich mit vielen Methoden Putins nicht einverstanden und erkenne die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen hinter seinen Handlungen. Aber kann wirklich jemand so dumm sein, zu glauben, dass die EU im Verbund mit den USA frei von solchen Interessen sei? Glaubt wirklich jemand, es ginge ausschließlich um die Verbreitung von Menschenrechten und Freiheit? Und selbst wenn es darum ginge: Hieße das, dass wir das Recht hätten, unsere Vorstellungen von Menschenrechten und Freiheit überallhin zu exportieren, ohne auf die historischen, kulturellen, politischen Zusammenhänge Rücksicht zu nehmen?

Die USA haben seit 1945 mindestens fünfzehn Kriege zur Verbreitung von Menschenrechten und Freiheit geführt, davon zehn ohne Mandat der UN. Sie haben missliebige Staatsführer gestürzt und blutige Diktaturen mit Waffen beliefert – im Namen der Freiheit. Das alles heißt keineswegs, dass Russland umgekehrt Freiheit und Menschenrechte gewahrt und verteidigt hat. Aber ich finde es, Pardon, ekelhaft, wenn sich die USA angesichts der Krim zum Richter und Moralwächter aufschwingen. Und ich finde es hochgefährlich, wenn die europäische Politik sich von der amerikanischen Selbstgerechtigkeit anstecken und leiten lässt.

Die westliche Politik hat offenbar den Fehler gemacht, im Vorfeld ihres Vorstoßes in Richtung Ukraine nicht mit allen Betroffenen zu sprechen, nicht alle legitimen Interessen einzubeziehen. Und jetzt, da die Lage sich zugespitzt hat, wäre es der größte Fehler, diesen Fehler fortzuschreiben und zu wiederholen.

Es gibt Anzeichen dafür, dass das im Kanzleramt verstanden worden ist, und ich bitte – jawohl, ich bitte – Frau Merkel und Herrn Steinmeier darum, den törichten Versuch, Russland mit Sanktionen in die Knie zu zwingen, aufzugeben und stattdessen den Dialog und den Ausgleich zu suchen. Die Ukraine hätte eine Brücke zwischen Europa und Russland werden können – und mit jeder weiteren Zuspitzung schwindet die Hoffnung, dass sie es mittelfristig doch noch werden könnte.

Und an die Zeitungsmacher wage ich folgende Bitte zu richten: Ich weiß nicht, warum andere Menschen Zeitungen lesen. Ich lese, um zu verstehen. Deshalb fände ich es durchaus interessant, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Es geht um die Zukunft Europas, wohl wahr. Aber auch um die Zukunft Russlands, denn es wird neben uns weiterbestehen – es sei denn, man hofft auf seine Auslöschung.