Saal 213 des Ulmer Landgerichts hat knapp 60 Besucherplätze. Bei den meisten Prozessen ist das mehr als genug. Am kommenden Montag, 14 Uhr, aber dürften das zu wenig sein. Elke K., eine resolute Frau mit fester Stimme, hat sich auf Anraten ihres Anwalts einen Sitzplatz reserviert. "Ich will unbedingt dabei sein", sagt die 62-jährige Bürokauffrau. Schließlich ist der Fall "Verbraucherzentrale Baden-Württemberg versus Sparkasse Ulm" auch ihr Fall.

Es geht um die sogenannte Scala-Affäre. Scala hatte die Sparkasse Ulm Anfang der neunziger Jahre einen Ratensparvertrag genannt, dessen Clou darin lag, dass die Zinsen gegen Ende der Vertragslaufzeit deutlich steigen sollten. Konkret, so das Versprechen, würden die Sparer nach 20 Jahren eine Bonuszinsphase erreichen. Dann sollte es neben dem Basiszins noch fünf Jahre lang einen satten Zuschlag von 3,5 Prozent geben. Außerdem konnten Anleger pro Monat bis zu 2.500 Euro einzahlen und flexibel über das Guthaben verfügen.

Unter normalen Umständen hätte sich das Ganze für die Sparkasse gelohnt – schließlich profitierte sie 20 Jahre lang von vergleichsweise moderaten Zinsen. Nur hatte die Ulmer Sparkasse ganz und gar nicht mit der aktuellen Niedrigzinsphase gerechnet, die ihre Kalkulation über den Haufen warf. Ein Geldinstitut, das seinen Sparern höhere Zinsen zahlt, als es selbst für die meisten Kredite verlangen kann, rutscht irgendwann in die roten Zahlen. Darum ergriff die Sparkasse im vergangenen Jahr eine drastische Maßnahme: Sie bot Elke K. und den rund 21.500 übrigen Scala-Kunden – in einer festgelegten Frist – neue, gut verzinste, aber weit weniger flexible Verträge an. Viele ließen sich darauf ein. Tausende aber weigerten sich – weshalb die Sparkasse ihnen nun, mehr oder weniger offen, mit Kündigung droht. Die Verbraucherzentrale strengte eine Klage an, um in der Sache für Rechtssicherheit zu sorgen.

In dieser Zuspitzung scheint es sich bei der Scala-Affäre bislang um einen Einzelfall zu handeln. Doch das Muster kennen Millionen von Versicherten, Bausparer und Bankkunden. Die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank mit Leitzinsen nahe der Nulllinie hat die Finanzindustrie kalt erwischt. Ihre üppigen, oft langfristigen Zinsversprechen kann oder will die Branche nicht länger erfüllen.Die Lebensversicherer zum Beispiel drückten mit dem Plazet der Politik den Garantiezins von einst 4,0 Prozent auf 1,75 Prozent – demnächst dürften es sogar nur noch 1,25 Prozent sein. Davon betroffen sind zwar nur Neukunden; die jüngsten Reformpläne der Bundesregierung werden wohl aber auch einige Altkunden belasten. Einen anderen Ausweg fanden Bausparkassen: Einige von ihnen entdeckten das Kleingedruckte in den Verträgen, als es darum ging, lästige Kunden loszuwerden, und griffen zu manchmal fragwürdigen Winkelzügen.

Im Bankenlager sind, abgesehen vom Beispiel Ulm, noch keine Problemfälle bekannt. Experten sind aber sicher, dass auch viele weitere Geldhäuser auf für sie ungünstigen Altverträgen hocken. Gut 170 Milliarden Euro aller deutschen Spareinlagen laufen zwei Jahre und länger, sind also noch in besseren Zinszeiten abgeschlossen worden. Ivo Gönner, Ulmer Bürgermeister und Verwaltungsratschef der Sparkasse, verwahrt sich daher gegen die Einzelfallthese. Sein Geldhaus trage nur aus, was anderen bevorstehe: "Es werden sicher noch andere folgen."

Der Grund: In den neunziger Jahren führten viele Sparkassen lang laufende variabel verzinste Sparbücher ein. Damit versuchten sie sich gegen die Lebensversicherer zu wehren, die Kunden mit hohen Zinsen lockten. Oder gegen die Konkurrenz durch den Aktienmarkt, der vielen Deutschen zu Beginn des Börsenbooms attraktiver schien. "Damals war es überhaupt nicht sexy, sein Geld zur Sparkasse zu bringen", sagt ein Sparkässler heute.

Doch Ulm konnte sexy: Der damalige Vorstand ersann ein flexibles Sparbuch, das schnell zum Renner wurde. Manche Kunden sicherten sich gleich mehrere Verträge. In der Spitze gab es bei der Sparkasse Ulm 28.000 Scala-Kontrakte. Elke K. weiß heute noch, wann sie ihren abgeschlossen hat, Anfang 1999. Monatlich 300 Euro zahlte sie ein.