Der wichtigste Assistent, den der Schönheitschirurg Enrique Steiger je hatte, war ein Metzger aus Sierra Leone. Innerhalb von Tagen brachte er ihm das Notwendige bei. Nähen, klammern, Blut absaugen. Bei aufwendigen Operationen hielt der Mann die Aderpresse, und wenn nicht genügend Narkosemittel vorhanden war, hielt er die schreienden Patienten fest. "Er hat die Schwangeren entbunden", sagt Steiger, "und kleinere Eingriffe wie Blinddarm-OPs gemacht." Ein gutes Team seien sie gewesen, damals im Bürgerkrieg.

Während Steiger erzählt, geht er voraus, durch die hellen Räume seiner Schönheitsklinik im Herzen Zürichs. Die Hände hat er in den Taschen seines maßgeschneiderten Anzugs. Grau meliertes Haar, die Haut gebräunt, als käme er gerade von seiner Jacht in Südfrankreich. Tatsächlich war er in den vergangenen Wochen viel in der Sonne. In Mali, Westafrika. Im Krieg. In einer anderen Welt.

55 Jahre ist Steiger alt. Und fast faltenfrei. Weil er sich manchmal selbst ein wenig Botox spritzt. Er habe auch schon einige Familienmitglieder operiert und seiner Mutter, einer südamerikanischen Sängerin, per Facelift zu neuer Jugend verholfen.

Steigers Praxis am Utoquai erstreckt sich über drei Altbauetagen. Der Operationssaal bietet einen Blick über den Zürichsee. Das Drumherum: mondänes Boutique-Hotel. Weiße Sessel, Holzböden, cremefarbene Bettwäsche. Selbst die Anästhesistin wirkt, als wäre sie einem Katalog entstiegen. "Meine Patienten wollen sich wohlfühlen", sagt Steiger, "sie sind ja nicht krank." Fettabsaugen, Nasenkorrektur, Brustvergrößerung, etwa fünf Eingriffe dieser Art macht er pro Tag. Die Dame, die gerade hinter der Tür des Patientenzimmers schlummert, ist aus Abu Dhabi angereist, um von ihm operiert zu werden. Von ihm, dem Liebling der Models und Millionäre.

Immer hat er feinsten Faden zum Nähen von Gesichtswunden dabei

Gelernt hat Steiger sein Handwerk in Rio de Janeiro, bei der Nummer eins der Branche: Ivo Pitanguy. Im Büro hat er ein Foto des Brasilianers aufgestellt. Steiger ist der teuerste Schönheitschirurg der Schweiz. Umgerechnet 15.000 Euro kostet eine Brust-OP, rund 25.000 Euro ein Facelift. Zum Vergleich: In Osteuropa werden Brustvergrößerungen für unter 2.000 Euro angeboten, in Deutschland liegt der Durchschnittspreis bei 6.500 Euro. Zu Steiger kommen die obersten fünf Prozent der Gesellschaft. Reiche, die nicht mit Schönheit gesegnet sind. Schöne, die auf Kinoleinwänden und Plakaten werben. Allein aus Hollywood stehen 50 Unvollkommene auf seiner Warteliste.

Acht Monate dauert es, um bei Steiger einen OP-Termin zu bekommen. Wer Pech hat, dem wird kurzfristig abgesagt, weil der Chirurg etwas Besseres vorhat. Wenn irgendwo am anderen Ende der Welt – in Ruanda, Afghanistan, Mali oder Syrien – geschossen und gekämpft wird, sich an den Flughäfen Menschen an Ticketschaltern drängen, um wegzukommen, dann packt Steiger in seiner Villa an der Züricher Goldküste die Koffer. Er legt Versicherungsdokumente, Bankunterlagen und Testament zurecht, verabschiedet sich von Ehefrau und Tochter. Wenig später kommt er dort an, von wo die anderen abhauen. Wenn Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Ärzte und Diplomaten ausgeflogen werden, ist Steiger oft der Einzige, der am Airport durch die Einreisekontrolle geht.

Bei so ziemlich allen großen Konflikten und Kriegen der vergangenen 25 Jahre war Steiger dabei. Drei Monate pro Jahr verbringt er in den Krisengebieten dieser Welt, ohne dass ihn einer dafür bezahlt. In Liberia operierte er 2003 nur 30 Minuten von der Front entfernt. In Schubkarren wurden ihm täglich bis zu 500 Schwerverletzte gebracht. Mit Schusswunden, abgerissenen Armen und Beinen, Verletzungen, die man in einem europäischen Krankenhaus kaum je zu Gesicht bekommt. Mit drei anderen Chirurgen arbeitete er im Schichtdienst: 18 Stunden operieren, dann sechs schlafen – unbequem, auf dem Fußboden, mit einer Matratze über sich, um sich vor Kugeln und Explosionen zu schützen. Im Sudan behandelte er 2007 unter freiem Himmel. Das Krankenhaus war zerstört. Mit dem Motor eines Jeeps betrieb er die OP-Lampe. Weil Fachpersonal fehlte, lernte er 2001 in Sierra Leone den Metzger an, den Mann hatte er kurz zuvor zusammengeflickt.