Es ist eine seltsame Kombination, die Steiger da lebt. "Wäre ich Kinderarzt", sagt er, "würde sich niemand über mein Tun wundern." Einem erfolgsverwöhnten Schönheitschirurgen hingegen trauen viele einen solchen Altruismus nicht zu. Dabei profitieren Steigers Patienten in beiden Welten von dieser Kombination. Die in der Schönheitsklinik von seiner Erfahrung mit jeder Art von Verletzung und Komplikation, die Kriegsopfer von seinem Können in der Wiederherstellungschirurgie, seiner Perfektion.

Immer hat er feinsten Faden zum Nähen von Gesichtswunden dabei. Niemand – auch niemand, der eine Schussverletzung überlebt hat – wolle danach eine riesige Narbe im Gesicht haben, glaubt Steiger. "Schönheit ist ein Grundbedürfnis."

Zehn Prozent seines Einkommens verwendet er für die Hilfseinsätze, dazu kommt der Verdienstausfall. Man kann also sagen: Busenwunder finanzieren Bombenopfer. Ein Leben zwischen Glamour und Grauen. Von einer Schönheits-OP in Rio flog Steiger einst nach Ruanda. Von einem Einsatz in Afghanistan ohne Zwischenstopp nach Cannes zu den Filmfestspielen. "Man kann das, oder man kann es nicht", sagt er. Er werde im Chaos ruhig, hat er an sich beobachtet. Panik und Fluchtreflex sind ihm fremd. Drei Hubschrauberabstürze unter Beschuss hat er überlebt, einige Male in die Mündung eines Maschinengewehrs geblickt.

Hier in seinem Züricher Büro – schneeweißer Schreibtisch, MacBook, frische Rosen in Pastelltönen – ist der Krieg weit weg. Steiger lässt ihn nicht hinein. In der einen Welt spricht er nicht über die andere. "Meine Patienten würden es nicht verstehen", sagt er. Seine Frau, eine Ex-Stewardess, mit der er seit 32 Jahren verheiratet ist, möchte er nicht unnötig ängstigen. Die Tochter, die in London Modedesign studiert, macht sich schon genug Sorgen um ihren Papa. "Beide wären glücklicher, wenn ich einfach abends zu Hause wäre", sagt er. Viel habe er verpasst, sei nicht genug für seine Tochter da gewesen. Einmal habe sie ihm ein Foto von ihrer Geburtstagsfeier per Mail geschickt. Mitten hinein in seine andere Welt. Partyhüte und Torte. "Es hat mir das Herz zerrissen."

Ein Erlebnis aus Ruanda verfolgt ihn bis heute

"Ich arbeite wie unter einer Glocke", sagt Steiger – sowohl in der Schweiz als auch im Krieg. Immer die jeweilige Situation, das Bedürfnis des Patienten im Blick. Egal, ob der per Limousine oder Eselskarren komme. Egal, ob er eine krumme Nase hat oder einen Granatsplitter im Schädel. "Was ist besser", fragt Steiger, "einer Frau, die unzufrieden mit ihrem Busen ist, Silikon einzusetzen oder einem Kindersoldaten, der Menschen erschießt, das Leben zu retten?" Die Sinnfrage sei nicht zu beantworten, der Versuch, es doch zu tun, führe in den Abgrund.

Eine Geschichte verfolgt ihn. Im Jeep fuhr er mit Kollegen durch ein Dorf in Ruanda. Feuer war zu sehen, dann ein Leichenberg. Sie wollten vorbeifahren, man konnte nichts mehr tun. Doch dann bewegte sich etwas. Ein Mädchen, so alt wie seine Tochter, kämpfte sich heraus aus den verkohlten Körpern. Schlimm verbrannt war sie. "In einem Karton wollte ich sie aus dem Land schmuggeln", sagt Steiger, "sie mit nach Hause nehmen." Ein Kollege hielt ihn ab. "Du darfst die Grenzen nicht verwischen", sagte er ihm. Und Steiger hörte auf ihn.

Diese Trennung seiner beiden Welten habe ihn vor Traumatisierung bewahrt, davor, ein "War-Junkie" zu werden. Jemand, der es nicht mehr aushält, in sein bequemes Leben zurückzukehren, der die Alltagsprobleme seiner Mitmenschen nicht mehr versteht – weil er sie vergleicht mit den Schrecken des Krieges. Anfangs habe er schon Mühe gehabt mit seinen extremen Rollen. Damals, mit knapp 30, als er sich für seine erste UN-Mission in Namibia meldete. Ein Abenteuer hatte er erwartet, an Giraffen gedacht. Naiv, eitel, vom guten Züricher Elternhaus behütet.