Der Schock war groß. Aus New York, wo er sich zum Chirurgen ausbilden ließ, flog er an die angolanische Grenze. Ein Krankenhaus sollte er leiten – in einer Zeit, in der Namibia, begleitet von Unruhen, seine Unabhängigkeit erlangte. Sechs Monate lang war er vor Ort, musste mit ansehen, wie sein Hospital überfallen wurde und es Kriminellen und Soldaten ausgeliefert war. Damals entstand die Idee, etwas tun zu wollen, um humanitäre Einrichtungen im Krieg besser verteidigen zu können. Nur was? Hilfsorganisationen haben keine Autorität, keine Waffen. Die UN rücken oft viel zu spät an. Oder, wie beim Völkermord in Ruanda, zu früh wieder ab. Dorthin wurde Steiger – nach Namibia, Angola, Marokko und Burundi – vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes 1994 geschickt. Seine Unschuld, ein großes Stück Lebensfreude habe er dort verloren, sagt er. 800.000 Tote in hundert Tagen, niedergemetzelt mit Macheten. Menschen mit abgeschnittenen Ohren und Nasen. "Über Straßen waren Därme gespannt, am Rand lagen abgeschlagene Köpfe." Fürchterlich der Anblick, noch schlimmer der Geruch. Nie wieder bekomme man den ganz aus der Nase.

Lebend schaffte es kaum jemand in seine Klinik. Und die Patienten, die da waren, verlor er, als die Armee sein Krankenhaus überfiel und alle erschoss. Vor seinen Augen. In ihren Betten. Kranke, Frauen, Kinder. Verzweifelt war er, hilflos. Man könne nichts tun, trösteten ihn Kollegen.

Damit wollte Steiger sich nicht abfinden. Zurück in der Heimat, gründete er eine Stiftung. Swisscross heißt sie. Die Idee: eine humanitäre Sicherheitseinheit mit Basis in der Schweiz. 150 bis 500 Männer und Frauen, binnen 72 Stunden einsatzfähig. Eine Mini-UN-Truppe, die Hospitäler bewacht. Damit Ärzte ihre Arbeit tun können. Damit die Entführungsindustrie keine Chance hat, westliche Helfer als Geiseln zu nehmen und so ganze Projekte lahmzulegen.

Steiger weiß, dass es funktionieren würde. Im Kleinen hat er es erlebt. In Ruanda beschützten zwei italienische Missionare 500 Waisenkinder mit Schrotflinten. Erfolgreich. Im Sudan saß ein einfacher UN-Soldat wochenlang vor einem Schulhof, auf dem sich Frauen und Kinder versteckten. "Einen Tag, nachdem er abgezogen wurde, waren alle tot", sagt Steiger. Ermordet vom Mob, der durch die Straßen zog.

Dabei braucht es wenig, um viel zu erreichen. Ein Zaun, Sandsäcke vor den Fenstern. Ein Aufpasser. "80 Prozent der Vorfälle würden vermieden", glaubt er. Oft sind es Kleinkriminelle, die für die Überfälle verantwortlich sind, um Autoritätspersonen aber einen Bogen machen. Seit Jahren spricht Steiger darüber mit Geldgebern und Politikern. Eine US-Universität arbeitet an einer Machbarkeitsstudie. In zwei bis drei Jahren, hofft er, könnte die Truppe loslegen.

Der Schönheitschirurg hat einen Weg gefunden, die Schrecken des Krieges zu verarbeiten: Aktionismus. "Allein dass ich da war, als Zeuge", sagt er, "verpflichtet mich, immer wieder hinzugehen." Mit der flachen Hand schlägt er im Takt der Worte auf seinen Schreibtisch. Im Regal hinter ihm stapelt sich die Fachliteratur zu ästhetischer Chirurgie. Innen, vor dem Fenster, liegt aufgeschlagen ein gigantischer Fotoband von Helmut Newton. Zu sehen eine nackte Schönheit in durchsichtigem Regenmantel.

Steiger bekommt oft Dankesbriefe. "Sie haben mein Leben verändert", schreibt eine Frau, "seit ich meine neue Nase habe, bin ich glücklich." Eine andere dankt für ihren tollen Busen, der nach dem Stillen der Kinder ganz schlaff war.

Steigers andere Patienten schreiben nicht. Für sie ist der Schönheitschirurg nur Doktor Enrique, der Mann, der da war, als niemand sonst ihnen half.

Anmerkung der Redaktion, 31. März 2014: Für die Online-Version des Artikels wurde nach Erscheinen der Print-Ausgabe ein Redigierfehler korrigiert.