Wo gibt es das? Ein Museum, das in einem Jahr von mehr Menschen besucht wird, als der Kanton Einwohner hat, in dem sich dieses Museum befindet. Dieses Kuriosum, natürlich, steht im Kanton Appenzell-Innerrhoden. Ein halber Kanton zwar, doch eine ganze Sache, wenn es um die Kunst- und Kulturbegeisterung der Bevölkerung geht. Auch wer glaubt, alles zu wissen über diesen katholischen Blätz Hügellandschaft, wer hierhin eine Reise tut, wird das Staunen neu lernen.

Verstohlen sitzt im Dorf Appenzell eine Ziegelei aus dem 16. Jahrhundert, die zum lichthellen Museum für die Moderne und für Gegenwartskunst umgebaut worden ist: die Kunsthalle Ziegelhütte. Und diese feiert, unbeachtet von den städtischen Kunstmetropolen, in stiller Eintracht mit sich selbst und doch mit katholischer Opulenz, den 100. Geburtstag des Appenzeller Malers Carl Walter Liner. Liner? Es gibt den Vater, Carl August (1871 bis 1946), und es gibt den Sohn. Dieser malte bis 1938 in den Fußstapfen des Älteren, und dann ... Kunsthistoriker haben bis heute für das Universum des jungen Liner keinen Begriff. Allen aber ist klar: Hier ist ein internationaler, ein großer Schweizer zu entdecken. Und man entdeckt ihn erst heute. Um ihn vielleicht doch auf einen Begriff zu bringen: Wenn Liners Geburtstag kein Grund ist für Unterländer, sich eine Reise ins Blaue zu gönnen, dann ist Hopfen und Quöllfrisch an dem Manne, an der Frau verloren.

Die Luft gewürzt mit dem Kuhmist, der in den nahen Wiesen gezettelt wird – ein Frühlingsbesuch in der Ziegelhütte ist eine Reise in Zwischenwelten. Carl Walter Liner (1914 bis 1997) hat in Appenzell gelebt und gearbeitet – sein Atelier liegt nur 500 Meter vom Museum entfernt. Aber genauso war Paris sein Lebenszentrum; wie ein Schwamm sog er in der Fremde die Kunstströmungen seiner Zeit auf. Doch in der famosen Retrospektive mit den wichtigsten Hauptwerken darf man Reclams Kunstführer zu Hause lassen. Kurator Roland Scotti, lange Jahre Direktor des Kirchner-Museums in Davos, hat eine Schau eingerichtet, die sich ans Auge richtet und an den gefühlten Kunstgenuss.

Landschaften und abstrakte Ölgemälde. Ein großer Farbenrausch ist da ausgebreitet, jenseits von -Ismen, Dogmen, Schulen, Stilen. Und das entspricht ganz der Malernatur von Liner, der sich in und mit der Kunst selber realisiert hat. Die Wirkung von Farbe war sein Hauptinteresse. Und die Zentralfrage: "Wie kann ich in der Farbe Wirklichkeit erschaffen?" In seinen Bildern finden sich Zitate aus der Kunstgeschichte und Zitate des sich selbst zitierenden Künstlers. Liner, ein postmoderner Künstler vor der Postmoderne?

Man kann in der Ausstellung seine Lust an der Herstellung sehen, wie er mit Spachtel, Pinsel Farben schichtet, wirft, kratzt und schabt. Seine Motive erschafft er aus Farben, seine Landschaften passt er den eigenen Farbbedürfnissen an. Und plötzlich, man weiß nicht, wie: Der Fähneren draußen, dieser Urberg, der vor den großen Museumsfenstern ragt, oder der Fähneren drinnen, auf Liners Bild – welcher ist glaubhafter? Es ist diese Magie zwischen Fantasie und Wirklichkeit, mit der einem der Geist Liners anspringt.

Die Kunsthalle Ziegelhütte, ein Raumschiff in Appenzell. Es ist visionär wie der Stifter der guten Sache, der wichtige Schweizer Mäzen und Kunstsammler Heinrich Gebert. Der Unternehmer, Mitgründer von Geberit, heute ein Weltunternehmen der Sanitärtechnik, hat bereits das Museum Liner in Appenzell gestiftet und mit seiner Kunstsammlung beschenkt.

Gebert und Liner verband mehr als eine gemeinsame Militärzeit, durch die Heirat mit seiner ersten Frau war der Unternehmer dem Maler verwandtschaftlich verbunden. Man darf sich also fragen: Hätte es ohne Liner überhaupt einen Kunstsammler gegeben – und ohne Mäzen diesen Künstler? Die Ziegelhütte ist das zweite, das neue Haus der Stiftung Liner, es versteht sich als Kulturzentrum im traditionellen Sinn. Konzerte finden hier statt, Lesungen. Auch Kabarett?

Das nicht. Doch wer Kabarett sagt, ist richtig in Appenzell. Wie sich die Ziegelhütte in den Manteltaschen der Talmulden versteckt, haust hier einer mit einem Kabarettprogramm, das passend heißt: vestolis . Es ist der Innerrhödler Simon Enzler. Er ist der Sprengmeister des Appenzell-Klischees und in den Volksmund eingegangen durch sein Zitat: "Grüne sind unreife Rote." Lyrisch Hochbegabter trifft politischen Satiriker. Enzler kultiviert eine Boshaftigkeit, die man bis anhin bloß jenseits der Schweiz zu kennen glaubte: in Kleinbürger-Satiren aus Wien oder München. Ein Glücksfall. Und ein Glück, dass im April April ist, dann zeigt Enzler nicht nur sein Programm, sondern veranstaltet Appenzeller Kabarett-Tage (3. bis 5. April). Zu Gast ist nebst dem Duo Fischbach auch der deutsche Katzeklo- Sänger und satirische Wurstfachverkäufer Helge Schneider. Lachen am Berg? Appenzell macht’s möglich.