Ein Ziel ist etwas, das wir zwar anstreben, aber das wir auch anpassen, wenn sich die Umstände ändern. Ein Dogma hingegen, von denen dort oben uns hier unten aufgezwungen, nimmt für sich die absolute Wahrheit in Anspruch. Es ist unflexibel und stur – so wie es etwa die Europäische Union oft ist.

Die EU bewundert technokratische Pläne, sie sieht sich als Erbin der französischen Aufklärung und kann überhaupt nichts mit Spontaneität im Sinne des großen Ökonomen Hayek anfangen.

All das zeigt sich zurzeit bei der Diskussion um die Personenfreizügigkeit. Sie ist ebenso zur Glaubensfrage geworden wie der Euro. Trotz der Warnungen von Hunderten von Ökonomen hat man seinerzeit nicht glauben wollen, dass eine Währungsunion (ungeachtet ihrer Vorteile und der Ersparnis an Transaktionskosten) für ein wirtschaftlich nicht homogenes Gebiet untauglich ist: Sie würde früher oder später in die Krise führen. Aber die EU wollte eine Währung als ihre Flagge, als Insigne einer politischen Union der Staaten Europas.

Die ökonomische Wissenschaft lehrt uns, dass im Fall einer Krise innerhalb einer Währungsunion massive Lohnsenkungen, große Investitionen in den Krisenländern sowie riesige Migrationsflüsse die ersehnte Heilung bringen sollen. In den vergangenen Jahren haben wir alle lernen müssen, was das für Leiden verursacht.

Was hat das alles mit der Personenfreizügigkeit zu tun?

Sie sollte theoretisch die Migration erleichtern. Das war und ist ihr angestrebtes Ziel. Nur wird dabei wieder einmal vergessen, dass es kein einheitliches Europa gibt. Viele EU-Länder liegen miteinander wirtschaftlich im Streit. Wir haben es zu tun mit einer Anzahl von Staaten mit ganz verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichen Arten und Niveaus des Wirtschaftens, mit verschiedenen Arbeitsbedingungen und Sozialvorschriften, mit unterschiedlichen Gesundheits- und Erziehungsmodellen. Und das alles bei über 26 Millionen Arbeitslosen in der EU. Der britische Premier David Cameron ist zu Recht sehr beunruhigt, wenn er vor einem "Wohlfahrtstourismus" warnt.

Große Migrationsströme stellen die Aufnahmeländer vor schwierig zu lösende Probleme. Denken wir nur an die Notwendigkeit, neue Wohnungen bauen zu müssen. Oder an die Belastung der Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel, an die zusätzlichen finanziellen Mittel, die für Sozialhilfeleistungen aufgewendet werden müssen. Oder an die Kosten in der Altersvorsorge, der Fürsorge, im Gesundheitswesen, in den Schulen und Kindergärten.

Denn mit der Erhöhung der Einwohnerzahl geht nicht notwendigerweise eine parallele Erhöhung des Bruttoinlandprodukts einher.

Mit Milton Friedman und Gary S. Becker haben zwei Nobelpreisträger und große liberale Denker schon lange gewarnt vor der Unvereinbarkeit von unbegrenzter Zuwanderung und vollem Recht auf Sozialleistungen. Immerhin besitzt ein Staat ein über Generationen aufgebrachtes Volksvermögen, an dem man sich nur mit einer entsprechenden Leistung beteiligen können sollte. "Im Prinzip ist freie und offene Immigration die richtige Politik, aber bei den Wohlfahrtsstaaten ist es eine andere Geschichte: Der Zufluss von Immigranten wird unendlich werden", sagte Friedman. Und sein Kollege Becker plädierte für ein Visa-System.

Dogmen sind gefährlich und blenden. Deshalb kann und will die EU nicht verstehen, dass die Schweizer Stimmbürger am 9. Februar nicht nur über ein Schweizer Problem abgestimmt haben – sondern über eines, das die ganze Europäische Union betrifft.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse": Die Basler Ständerätin Anita Fetz