Eisblumen – das ist ein Begriff, mit dem junge Leute heute etwa so viel anfangen können wie mit C-90-Musikkassetten und moosgrünen Wählscheibentelefonen. Bei Menschen, die vor 1980 geboren wurden, weckt der Begriff dagegen Erinnerungen an die kalten Winter ihrer Kindheit, in denen sie mit ihren Fingern die dünne, von feinen Ornamenten durchzogene Eisschicht von der Innenseite der Fenster kratzten.

Damit Eisblumen entstehen können, müssen mehrere Voraussetzungen gegeben sein: erstens eiskaltes Wetter, das die Fensterscheibe auf Minustemperaturen herunterkühlt; außerdem ein warmes und feuchtes Klima in der Wohnung. Allzu sauber darf das Fenster auch nicht sein – denn kleine Staubteilchen auf der Scheibe dienen als Kristallisationskeime.

Wenn die an der Scheibe abgekühlte Raumluft den Wasserdampf nicht mehr halten kann, gefriert dieser direkt zu Eis. Resublimation nennt man das. Die filigranen Strukturen beginnen zu wachsen und können die gesamte Fensterscheibe ausfüllen.

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Warum gibt es heute keine Eisblumen mehr? Man könnte vermuten, der menschengemachte Klimawandel hätte sie ausgerottet, aber dieser ist hier ausnahmsweise nicht der Grund. Nur hat heute praktisch kein Haus mehr einfach verglaste Fenster. Seit Ende der siebziger Jahre werden in Alt- und Neubauten nur noch isolierverglaste Fenster mit mehreren Scheiben eingebaut. Bei denen wird die innerste Scheibe auch bei klirrendem Frost nicht so kalt, dass auf ihr eisige Blumen gedeihen könnten.

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