Wenn der spanische Winzer wüsste, was Daniel Fäh mit seinem Rotwein macht, würde er ihm wahrscheinlich keinen mehr verkaufen wollen. Jedes Jahr bestellt Fäh mehrere Tausend Liter, immer von demselben Weingut aus der Provinz Alicante, im Restaurant würde eine Flasche um die dreißig Euro kosten. Aber Fäh bestellt den Wein nicht, um ihn zu trinken, sondern um genormte Flecken herzustellen. Rotwein auf Baumwolle, Artikelnummer 122.

An diesem Tag riecht es in den Büros von Swissatest Testmaterialien AG wie auf einem Weihnachtsmarkt, mehrere Fässer des spanischen Rotweins sind angeliefert worden, Mövenstraße 12 in St. Gallen, der Wein wird gerade angesetzt. Dazwischen Fäh, 50 Jahre alt, ein drahtiger Mann, der am Wochenende Berge besteigt, auch jetzt läuft er so energisch, als hielte er Wanderstöcke in den Händen. Seit 2002 ist er Geschäftsführer von Swissatest, Weltmarktführer im Bereich künstlich angeschmutzter Textilien. Waschmaschinenhersteller brauchen diese Schmutzstreifen, um ihre Produkte ordnungsgemäß für den Verkauf auszeichnen zu können: DIN EN 60456 heißt die Waschmaschinenprüfnorm, sie ist Basis für die Energieverbrauchskennzeichnung und die Waschleistung.

"Dieses Odeur", sagt Fäh, während er die Büroetage durchquert, er spricht es Schweizerisch aus. Wein hat rund 250 natürliche Inhaltsstoffe, "eine Handvoll davon sind für die Farbe wichtig", erklärt Fäh, und damit für sein Produkt.

Das Hauptprodukt von Swissatest sind Schmutzstreifen, sechs Quadrate, 12 mal 12 Zentimeter, hellrosa, beige, bordeauxrot, dunkelgrau, hellgrau, weiß. So sehen Rotwein, Kakao, Blut, Ruß-Mineralöl und Talg auf Baumwolle aus, weiß ist die Referenz und bedeutet: keine Verschmutzung. Mit jedem dieser Quadrate können bestimmte Waschqualitäten geprüft werden; Blut beispielsweise zeigt, wie gut durchflutet eine Maschine ist, Ruß-Mineralöl, wie gut die Mechanik funktioniert.

"Waschen ist viel komplexer, als die meisten denken", sagt Fäh, im Besprechungszimmer angekommen. In der Vitrine hinter Glas stehen Bücher mit Titeln wie The Evolution of Clean, die Entwicklung der Sauberkeit, oder Laundry Detergents, Waschmittel. Daneben sind auch welche aufgereiht, japanische, und ein Dankeschön von Chinas größtem Waschmaschinenhersteller Haier. Rund 40 Prozent von Fähs Produkten gehen nach Asien.

Um zu verdeutlichen, was alles zum Waschen gehört, malt Fäh einen Kreis auf das Flipchart. Nicht irgendeinen, sondern den Sinnerschen Kreis, erfunden von Herbert Sinner, einst Leiter der Waschmittel-Anwendungstechnik bei Henkel. Der Kreis ist in vier Abschnitte unterteilt: Zeit, Temperatur, Mechanik und Chemie. Diese Parameter bestimmen den Erfolg einer Reinigung, ihre Größen können verändert werden. Wird zum Beispiel die Temperatur verringert, muss ein anderer Parameter größer werden, etwa die Chemie.

Heutige Waschmaschinen brauchen deutlich weniger Energie als noch vor zehn Jahren, die eingesparte Menge in Europa entspricht etwa dem jährlichen Verbrauch von 70.000 Haushalten. "Das Niveau ist ziemlich ausgereizt", sagt Fäh. "Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass es gehalten wird."

Fäh ist Textilingenieur und Chemiker, vor mehr als 20 Jahren, nach dem Studium, kam er zur EMPA, der Eidgenössischen Materialprüfanstalt, auch die sitzt in St. Gallen. Angeschmutzte Textilien gab es damals schon, sie wurden jedoch ausschließlich intern verwendet, eine allgemeingültige Energiekennzeichnung für Waschmaschinen gab es noch nicht. Fäh erkannte schnell das Marktpotenzial, das in diesen Schmutzstreifen steckte. Dem damaligen Direktor der EMPA gefiel die Idee, 1994 begann die Anstalt, Testmaterialien als Profitcenter zu organisieren. 2002 wurde der Bereich an Fäh verkauft, dieser gründete die EMPA Testmaterialien AG. Sieben Mitarbeiter beschäftigte er damals, inzwischen sind es 25. Seit kurzem heißt die Firma Swissatest Testmaterialien AG, die Namensänderung war der letzte Schritt zur Unabhängigkeit.