Das syrisch-iranisch-russische Angebot des weltweiten Schulterschlusses gegen den Terrorismus ist eine Falle, die westliche Nationen mit gegraben haben. Die USA vorneweg, Großbritannien und andere europäische Länder hinterher, haben sie nach dem 11. September 2001 ihrerseits serienweise das Völkerrecht verletzt und ganz unverblümt die "neue Ära der doppelten Standards" proklamiert: Rechtsstaatlichkeit für die Bürger des Westens, das "Gesetz des Dschungels" für den Kampf gegen Al-Kaida in den muslimischen Ländern.

Al-Kaida ist zweifellos ein brutales, transnational agierendes Terrornetzwerk. Aber seine Überhöhung zu einem Seeungeheuer des 21. Jahrhunderts mit quasi magischen Kräften dient weder seiner effektiven Analyse noch seiner Bekämpfung. Im Gegenteil: Regierungen zahlreicher halbdemokratischer bis autoritärer Staaten nutzen die Ideologie vom globalen Antiterrorkrieg, um sich mit amerikanischer, europäischer oder russischer Hilfe aufzurüsten und innenpolitische Gegner auszuschalten.

Wie kommt man aus dieser Falle wieder heraus? Indem man die eigenen Völkerrechtsbrüche von Guantánamo bis zu Folter-Memos endlich beendet und ahndet und sich im Fall Syriens auf eine klare, nicht verhandelbare Präambel für alle weiteren Gespräche mit Moskau und Teheran einigt. Die lautet: "Assad ist der Hauptschuldige am Blutvergießen in Syrien und kommt als Partner im Kampf gegen Al-Kaida nicht infrage."

Syrien ist das Testfeld, um herauszufinden, zu wie viel internationaler Kooperation Moskau derzeit bereit ist. Es könnte, so paradox das in der aktuellen Situation klingt, auch der Einstieg in die Deeskalation zwischen Russland und den westlichen Nationen sein.

Wenn sich in Sachen Krim und Ukraine die Fronten nicht bewegen, warum dann nicht einen neuen Vorstoß in Sachen Syrien starten: Russlands strategische Interessen, allen voran die Erdgasförderung und den Zugang zum syrischen Hafen Tartus, akzeptieren und als Gegenleistung den Abtritt der Assad-Clique fordern – das wäre das Angebot. Die gezielten Sanktionen in Sachen Krim mit ebenso gezielten Sanktionen gegen Russlands Waffenlieferanten kombinieren – das ist die Drohung.

Gerade jetzt, da der Ukraine-Konflikt fast alles überschattet, braucht es eine Vervielfältigung der Gesprächskanäle. Lokale Waffenstillstände zwischen Armee-Offizieren und Rebellen, Gespräche zwischen lokalen Vertretern der verfeindeten Gruppen – das ist denkbar und findet vereinzelt schon statt. Wie übrigens auch die Protestkundgebungen in vielen syrischen Städten: Einwohner versuchen, außerhalb der Kontrolle des Regimes Inseln der Selbstverwaltung aufzubauen. Im Jahr vier des Krieges gehen in Syrien immer noch Menschen demonstrieren: gegen Assad, gegen Islamisten, gegen eine internationale Gemeinschaft, die sich inzwischen eingeredet hat, sie könne für Syrien nicht mehr tun.