ZEITmagazin: Frau Diekhof, Sie gehören als Humanbiologin und Neurowissenschaftlerin zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die sich mit den Auswirkungen des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf das menschliche Verhalten beschäftigen. Dank der Arbeit Ihrer Kollegen weltweit hat es einen schlechten Ruf: Es mache aggressiv, heißt es. Stimmt das?

Esther Diekhof: Ich kenne keine Studie, die das so pauschal bestätigt. Dieser Zusammenhang konnte vor allem in Tierversuchen mit Ratten und Mäusen gezeigt werden.

ZEITmagazin: Wer viel Testosteron hat, raucht eher, schwänzt die Schule und hat als Erwachsener einen niedrigen sozialen Status. Auch Forschungsergebnisse. Blödsinn?

Diekhof: Viele Studien mit so eindeutig negativen Ergebnissen sind schon älter und waren schlicht zu einfach. Alle Studien belegen nur statistische Zusammenhänge. Das ist so, wie zu sagen: Jeder Raucher bekommt Lungenkrebs. Aber Rauchen erhöht eben nur die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken. Dass Testosteron die Ursache für Schuleschwänzen oder Rauchen ist, ist einfach Unsinn.

ZEITmagazin: Ist es Zufall, dass Wissenschaftler bisher nur auf die unschöne Seite des Testosterons geschaut haben?

Diekhof: Die Wissenschaft hat sich, soweit ich weiß, in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren mit der Testosteronforschung ein neues Gebiet erschlossen. Da war es sicher nicht falsch, Klischees und Volksweisheiten zum Testosteron zu überprüfen. Heute sind wir viel weiter.

ZEITmagazin: Was haben Sie herausgefunden?

Diekhof: Wir haben Hinweise darauf, dass Testosteron altruistisches, also uneigennütziges Verhalten fördert.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das festgestellt?

Diekhof: Wir lassen Studenten am Computer zum Ultimatum-Spiel antreten. Die beiden dürfen sich eine Summe teilen, und einer schlägt ein Verhältnis vor, das mehr oder weniger fair ist – der andere kann nur annehmen oder ablehnen. Wird es angenommen, erhalten beide ihren Anteil. Bei Ablehnung gehen beide Spieler leer aus. Jeder soll Punkte sammeln, für sich selbst und für seine Gruppe. Vorher messen wir die Konzentration von Testosteron im Speichel. Das Erstaunliche ist: Männer mit hohem Testosteronspiegel lehnen unfaire Angebote anderer Gruppen öfter ab als die der eigenen Mitspieler – obwohl sie selbst dann weniger Punkte bekommen. So verschaffen sie der eigenen Gruppe Vorteile. Sie verteidigen diese gegen äußere Bedrohungen und maximieren die Ressourcen der Gruppe.

ZEITmagazin: Sie sind Alphatiere?

Diekhof: Genau. Bisherige Studien, die sich für Testosteron und Aggression interessierten, haben nicht beachtet, wie wichtig es ist, ob es nur um die Person geht oder um eine Gruppe. Unsere Studie wird nun publiziert.

ZEITmagazin: Wie wir uns verhalten, kann doch auch vom Charakter und vom Lebensstil abhängen.

Diekhof: Testosteron ist einer von vielen Einflussfaktoren – das ist sicher. Aber die genetische Veranlagung spielt auch eine Rolle und ebenso das Milieu, in dem man aufwächst.

ZEITmagazin: Aufsehen erregte vor Kurzem der englische Verhaltensforscher Simon Baron-Cohen mit einer Studie über Empathie: Frauen seien mitfühlender. Wirklich wahr?

Diekhof: Die Geschlechterunterschiede, die er gefunden hat, waren klein. Im größten Teil der Bevölkerung unterscheiden sich Männer und Frauen überhaupt nicht. Wir haben Baron-Cohens Ergebnisse zu überprüfen versucht, aber keine Unterschiede gefunden. Unser Kandidat mit dem größten Empathie-Wert war bisher übrigens ein Mann.