Zwei Träume habe ich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder geträumt. Der eine ist ziemlich normal für einen Schauspieler: Ich muss auf die Bühne, habe meine Rolle nicht geprobt, kenne meinen Text nicht. Ein sehr unangenehmer Traum, der meiner Meinung nach auch eine Metapher für die menschliche Existenz ist, für unsere Zukunfts- und Versagensängste. Schließlich sind wir auf die wirklich einschneidenden Herausforderungen unseres Lebens eigentlich immer unzureichend vorbereitet.

In einem anderen Angsttraum, der mich seit vielen Jahren begleitet, befinde ich mich an einem unbekannten Ort, an dem ein großer Tiger frei umherstreift. Wir sind in einem abgeschlossenen Terrain, nur der Tiger und ich. Ich bin verängstigt, gerate in Panik. Doch seltsamerweise greift mich der Tiger nicht an, er bleibt bloße Bedrohung. Ich glaube, auch dieser Traum verkörpert menschliche Urängste – als gehöre er nicht nur zu mir, als wäre er jahrtausendealt, Teil einer kollektiven Traumbibliothek. Ich kann nicht sagen, wofür der Tiger konkret steht, ein Freudianer hätte da bestimmt einige Ideen. Sexuelle Versagensängste wären mit Sicherheit darunter. Vielleicht habe ich aber auch einfach Angst vor großen Tieren mit scharfen Zähnen und Klauen.

Im realen Leben habe ich gelernt, mit meinen Ängsten zurechtzukommen. In meiner Jugend hatte ich zum Beispiel große Flugangst. Ich habe mich dann ausgiebig mit Unfallstatistiken und mit der Physik des Fliegens beschäftigt. Als ich verstanden hatte, wie Schubkraft und Aerodynamik ein Flugzeug fliegen lassen, wurde es einfacher. Und ich habe mich selbst gezwungen zu fliegen, um die Angst zu überwinden. Heute kann ich Flugreisen genießen, diesen außergewöhnlichen Blick auf bizarre Landschaften. Schwere Turbulenzen ängstigen mich allerdings noch immer. Und der Jetlag beschert mir zuverlässig sehr intensive Träume, egal, welche Medikamente ich nehme und wie viel Alkohol ich trinke.

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In einem sehr realen Albtraum spielten Ängste ebenfalls die Hauptrolle: Mit Anfang 40 litt ich eine Zeit lang unter einer Angststörung und unter schweren Panikattacken. Es konnte mich jederzeit erwischen, eine grauenhafte Erfahrung. Einmal stand ich auf der Theaterbühne, wir spielten Nikolai Gogols brillante Sozialsatire Der Revisor, und auf einmal war die Panik da. Ich konnte nicht mehr spielen, nicht einmal mehr stehen, ich begann zu hyperventilieren, musste hinunter auf die Knie und konnte nur noch von der Bühne kriechen.

Am Ende habe ich die Panikattacken mit der Hilfe eines Psychotherapeuten in den Griff bekommen. Wichtig war für mich, zu verstehen, dass ich nicht verrückt war und die Panik in einem Ungleichgewicht der Gehirnchemie wurzelte. Ich lernte, der Angst nicht die Kontrolle zu überlassen. Sonst droht ein schrecklicher Kreislauf: die Angst vor der Angst. Am nächsten Abend stand ich wieder auf der Bühne. Es ist mir gelungen, dem Albtraum zu entrinnen, die Freude am Spielen wiederzufinden und in diesen traumhaften Zustand einzutauchen, in dem es nichts gibt, vor dem ich Angst haben muss.

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