Was muss man als türkischer Premierminister eigentlich noch tun, um den Türken das Twittern auszutreiben? Egal, was Tayyip Erdoğan macht, egal, womit er droht: Viele Türken wollen einfach nicht von den lieb gewonnenen 140-Zeichen-Botschaften lassen. Im Gegenteil, die türkische Twitter-Gemeinde tippt, als sei nichts gewesen. Als hätte Erdoğan seine monatelange Drohung, den Dienst in der Türkei zu sperren ("Twitter ist eine Plage", "Twitter und so ’n Zeug werden wir mit der Wurzel herausreißen!", "Roboterlobby!" – die Autorin bittet an dieser Stelle um Nachsicht, natürlich klingt das alles auf Türkisch viel eindrucksvoller und blumiger), nicht wahrgemacht.

Doch, das hat er. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag vergangener Woche wurde der Dienst gesperrt. Diese "Plage", die während der Gezi-Proteste zur wichtigsten Informationsquelle aufstieg, weil die herkömmlichen Medien versagten – sie strahlten Filme über Pinguine aus anstatt Bildern von Millionen Anti-Regierungs-Demonstranten. Diese Plage sollte endlich ein Ende haben, die in den vergangenen Wochen immer wieder dazu genutzt wurde, Telefonmitschnitte zu verlinken, die auf YouTube veröffentlicht wurden. Auf diesen wies der Premierminister angeblich seinen Sohn an, Korruptionsgeld beiseitezuschaffen.

Der strenge Vater hat also den frechen Kindern das liebste Spielzeug weggenommen, weil sie seiner Meinung nach nicht gut damit umgegangen sind. Er hat es im Schrank versteckt, aber die Kinder haben es gefunden. Ätsch.

Kaum war die Sperre bekannt, wurde sie auch schon umgangen. Viele wichen auf Facebook aus und verbreiteten Anleitungen, wie man die Sperre kinderleicht mit ein paar Änderungen in den Einstellungen am Rechner oder am Smartphone knacken kann.

Und sie tun dies mit bester Laune, nach wie vor. Obwohl die Sperre Anfang dieser Woche um eine weitere Stufe verschärft wurde. Der Entzug des digitalen Lieblingsspielzeugs (man spricht von zehn bis zwölf Millionen Twitter-Nutzern in der Türkei) führte nicht zu Massendemonstrationen, zu resignierten oder wütenden Botschaften, sondern zu künstlerischen Höchstleistungen. So kursieren auf Twitter Bilder von Premierminister Erdoğan, der versucht, sich vor einer Schar blauer Vögel, dem Twitter-Symbol, in Sicherheit zu bringen – angelehnt an Alfred Hitchcocks Horrorfilm Die Vögel. Man kann Erdoğan dabei betrachten, wie er das blaue Vögelchen mit Tränengas ansprüht – angelehnt an die Gezi-Proteste, bei denen die Polizei massiv Tränengas einsetzte. Außerdem bastelten die Nutzer ein Porträt von Erdoğan in Streetart-Manier, mit dem Spruch "Yes, we ban" ("Ja, wir verbieten") – angelehnt an US-Präsident Barack Obama und seinen Slogan "Yes we can". Auf einem anderen Bild sieht man Erdoğan, wie er als kleiner Junge mit umgedrehtem Baseball-Cap auf dem Kopf, einem nicht sehr intelligenten Gesichtsausdruck und einer Zwille in der Hand blauen Vögelchen hinterherrennt.

Die Regierung und ihre Anhänger müssen viel sprachliche Häme ertragen. Und an dieser Stelle muss man konstatieren: Sie haben dies doch recht leichtfertig provoziert. Kaum war die Sperre vollzogen, da twitterte der Vizeregierungschef Bülent Arınç, der wie die meisten Regierungsmitglieder einen Account besitzt und regelmäßig Botschaften absetzt, seinen nächsten Wahlkampfauftritt: "Morgen sind wir in der Stadt Manisa."

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Ein User mit dem Namen KaLLe$ schrieb: "Lieber Minister, ich komme über mein iPad nicht rein – welches Programm würdest du mir empfehlen?" Ein anderer Nutzer warnte das Regierungsmitglied: "Bülent Bey, diese Seite hier ist verboten, nicht, dass dein Chef noch sauer wird." Ein anderer verhöhnte das Wort Sperre: "Bevor du losfährst, kontrolliere lieber, ob nicht auch Manisa gesperrt ist." Andere baten den illegalen Regierungs-Twitterer um einen Gefallen: "Können Sie meine Familie in Manisa grüßen? Die kriegen das mit der Sperre noch nicht hin."

Tags darauf wurde Arınç von Journalisten gefragt, wie er denn die Sperre umgangen habe. "Allah öffnet die Türen, und wenn einer gute Absichten verfolgt, dann öffnet er auch Twitter", sagte er.

Aber das ist noch gar nicht die ultimative Gaga-Komponente der türkischen Twitter-Sperre. Wenn Regierungsmitglieder trotz Verbotes weitertwittern können, ist das noch verständlich. Aber wenn Anhänger der Regierung die Sperrung umgehen, also die Anweisungen ihres Idols einfach ignorieren, um dann wiederum auf Twitter die Sperre zu verteidigen, ist das wohl die höchste Kunst der Verdrehung. Auf die Frage an Erdoğan-Fans, wie sie denn dem Verbot ausgewichen seien, antworten diese: "Wir benutzen Twitter ja nicht dazu, um andere zu beleidigen." Das sind dann die braven Kinder des strengen Vaters.

Einzig Staatspräsident Abdullah Gül fand staatsmännische Worte. "Es kann nicht hingenommen werden, dass Soziale Netzwerke geschlossen werden." Außerdem hoffe er, dass die Maßnahme nicht lange währen werde.

Wo er das sagte? Na, auf Twitter natürlich.