Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi hat geschrieben: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich." Auch Tatjana Tretjak und ihr Mann sind auf ihre sehr eigene und einsame Weise unglücklich. Am 19. Februar starb ihr Sohn Maksim auf dem Maidan in Kiew, und sie wissen bis heute nicht, wie es dazu kam.

Maksim kämpfte auf dem Maidan nicht gegen die Regierung, er stand als Soldat auf der anderen Seite, er war ein Garant der herrschenden Verhältnisse. Maksim hatte zum Militär gewollt, am liebsten zu den "inneren Streitkräften". Ende Oktober wurde er zum Wehrdienst eingezogen. Im Dezember stand er schon auf dem Maidan, um die Proteste zu stoppen. Im Februar starb er – ein gehorsamer 20-Jähriger im Dienste des Janukowitsch-Regimes.

Viele sind in jenen Tagen gestorben auf diesem Platz. Die meisten werden als Helden der Freiheit verehrt. Maksim gehört zu den anderen. Zu den Toten, derer nicht öffentlich gedacht wird. Und zwischen Tatjana Tretjak, der Soldatenmutter, und den anderen, den Hinterbliebenen von Aktivisten, verläuft jetzt ein Graben, tief und breit. Womöglich erklärt dieser Graben die Zerrissenheit des Landes besser als alle Flüsse und unsichtbaren Grenzverläufe. Vielleicht hängt die Zerrissenheit des Landes nicht an der Sprache, nicht an Geografie, sondern an Gefühlen wie Triumph und Ohnmacht.

Vor den blutigen Februar-Ereignissen war die Mehrheit der Ukrainer angewidert von ihrem Präsidenten, von seinem Versuch, sein ergaunertes Vermögen zu retten, von seiner Gewalt, von seinen lakonischen Versuchen, den politischen Umsturzversuch auszusitzen oder niederzuknüppeln: Sondereinheiten zielten mit Gummigeschossen selbst auf Sanitäter, die Verletzte versorgten, und Journalisten, die berichteten. Hunderte wurden verletzt. Dennoch haben nicht alle Ukrainer den Aufstand auf dem Maidan unterstützt: Etwa eine Hälfte war dafür, die andere nicht. Nun ist der Präsident gestürzt, die siegreiche Hälfte des Landes trauert öffentlich um ihre Opfer, sie schafft Helden und Legenden.

Und die andere Hälfte?

An einem kalten Märztag versammeln sich in Kiew Polizisten, um eines Kollegen zu gedenken, der bei den Demonstrationen getötet wurde. Sie tun das nicht im Zentrum der Stadt, sondern etliche Kilometer vom Maidan entfernt. Es kommt auch kaum jemand außer den eigenen Leuten. An diesem Tag tragen sie keine Uniform. Sie hören die Fürbitte des Priesters, legen eilig Nelken ab, gehen in schnellen, wütenden Schritten auseinander. Einer, der Anton heißt und in einem der gesichtslosen Hochhäuser am Rande von Kiew wohnt, kämpft mit seinen Tränen und seinem Zorn. "Wir haben Angst um unsere Familien", sagt er. Die anderen würden sich schon bald rächen, ist er sich sicher. Dann eilt er davon.

"Jahrzehntelang haben wir in einem Land friedlich miteinander gelebt – und nun hasst und fürchtet man sich gegenseitig", sagt Tatjana Tretjak. Dabei müsste der Augenblick sie einen: Die Krim ist weg, der Osten bedroht. Wer eben noch den Knüppel auf dem Maidan schwang, meldet sich jetzt bei der Nationalgarde an und steht gemeinsam Seite an Seite mit dem Feind von vor ein paar Wochen gegen Russland, damit das Land nicht auseinanderfällt wie ein schlecht gezimmertes Haus. Die ukrainischen Soldaten auf der Krim wurden noch im Januar von europafreundlichen Demonstranten beschimpft, nun werden sie von den Russen verjagt. "Das kann man doch gar nicht in den Kopf kriegen", sagt Tatjana. "Ich möchte schreien."

Als die Proteste begannen, wurde Maksim Tretjak auf den Maidan abkommandiert. Fünfmal hat ihn Tatjana in dieser Zeit besucht. Sie und ihr Mann seien nicht politisch, sagt sie, sie konnten den Unmut der Massen zwar verstehen, wollten aber selbst nicht demonstrieren. "Maksim ging es nicht gut", sagt Tatjana. Die Streitkräfte seien unzureichend ausgestattet und schlecht versorgt gewesen. Einmal, als sie zu Maksim fuhr, sah sie, wie die Demonstranten in dicke Wurstbrote bissen. Aber dem Regime sei es egal gewesen, wie es seinen Soldaten und Polizisten erging. Sie brachte Maksim Lebensmittelpakete, aber auf dem Weg von der Metro zu der Barrikade, an der ihr Sohn stand, bekam sie eine SMS nach der anderen von ihm. "Bring mir was zu trinken, Zigaretten und Bonbons mit", schrieb er. Auch für die Kameraden sollte sie einkaufen. "In dieser Zeit wurde Maksim erwachsen", sagt die Mutter. Er war nicht mehr so sorglos wie früher, und je schlimmer seine Situation wurde, desto weniger konnte er sich vorstellen, seine Kameraden im Stich zu lassen. Etwas wuchs in ihm heran, was am Anfang nicht da war: Wut. Bei einem ihrer Besuche fragte der Sohn: "Mama, warum dürfen wir bespuckt, mit Steinen beschmissen und beschimpft werden?" Seine Uniform war dreckig, er schämte sich. Auf der anderen Seite der Barrikaden standen seine früheren Kommilitonen aus der Zeit, als er noch Jura studierte.