Einmal schauen, wie der berühmteste Straftäter der Republik bald leben wird, einmal hören, welche Arbeiten auf ihn zukommen: Nächste Woche dürfen Journalisten sich ein Bild davon machen, welche Haftbedingungen Uli Hoeneß in der Justizvollzugsanstalt in Landsberg am Lech erwarten. Dort muss der Ex-Präsident des FC Bayern München demnächst seine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten antreten.

Während sich die Scheinwerfer der Medien bereits auf die Zukunft richten, scheinen sich langsam ein paar Rätsel der Vergangenheit zu klären, die nach dem Urteil offen geblieben waren: Woher kam das Geld zum Beispiel? Wie konnte es sich so drastisch vermehren?

Kenner der Vorgänge, die zum Fall des Fußballmannes führten, berichten neue Details. Nach Informationen der ZEIT waren neben dem Züricher Bankhaus Vontobel weitere Banken direkt an den Spekulationen des Managers beteiligt – unter ihnen Julius Bär. Der Eindruck, Hoeneß habe seine Geschäfte immer nur über einen Devisenhändler bei Vontobel abgewickelt, ist demnach abwegig. Viel Geld floss hin und her, zwischen den Banken, aber auch zwischen den Konten von Uli Hoeneß. Zudem wird deutlich, dass die Mittel des heute 62 Jahre alten Managers in Zürich größer waren als bisher bekannt.

Mutmaßungen, dass hinter dem Fall mehr stecken müsse als die wahnwitzigen Geschäfte eines Einzelnen, werden durch die neuen Erkenntnisse eher geschwächt als gestützt. Allerdings, so viel scheint auch klar: Uli Hoeneß war kein überforderter Zocker, sondern wusste, was er tat.

Bislang lautete die Lesart des Falles: Hier war der Spekulant Uli Hoeneß, der sich mittels Pager über das Geschehen an den Börsen auf dem Laufenden hielt – dort der oberste Devisenhändler bei der Bank Vontobel, dem Hoeneß persönlich vertraute und seine Aufträge erteilte. Ein Geschäft wie unter Buddys also. "Ich habe außerordentlich oft mit der Bank telefoniert, sogar nachts", sagte Hoeneß in seiner Einlassung vor Gericht.

Konkret liefen die Zockereien des Uli Hoeneß deutlich organisierter und komplexer ab. Kenner beschreiben die Devisenabteilung von Vontobel als klein – zu klein. "Die können Devisenhandel nur während der Bürozeiten anbieten", heißt es. Nicht nachts also. Zudem müsse auch der besagte Devisenhändler mal Urlaub machen. Finanzkreisen zufolge, schloss Vontobel daher Kooperationsverträge mit mindestens zwei anderen Banken ab. Mit deren Hilfe stellte man sicher, dass der Großkunde Uli Hoeneß seine Geschäfte zu jeder Tages- und Nachtzeit abwickeln konnte.

Wenn Hoeneß in der Nacht zockte, rechneten die Banken anderntags ab

Eine dieser Adressen war Julius Bär, eine weit größere Schweizer Privatbank. Dort kann ständig mit Devisen gehandelt werden, an 16 Stunden des Tages über Zürich und nachts, in den restlichen 8 Stunden, über Singapur. "Kunden, die rund um die Uhr handeln wollen, werden dann nämlich weitergeleitet", ist zu hören. In der Praxis lief das nach Aussagen mehrerer Kenner wie folgt: Vontobel und Julius Bär vereinbarten jeden Tag aufs Neue ein Limit dafür, wie viel Kapital Hoeneß einsetzen durfte. Dieser bekam Ansprechpartner bei der Partnerbank genannt, die er anrufen konnte und denen er seine Aufträge durchgab. "Er konnte sich direkt an Leute bei Julius Bär wenden", heißt es übereinstimmend.

Kunde der anderen Banken war nicht Hoeneß, sondern Vontobel. Hatte Hoeneß nachts gehandelt, wurde das am nächsten Tag zwischen den Instituten abgerechnet. Sofern die Geschäfte bei der Partnerbank zu Verlusten geführt hatten, glich Vontobel diese aus. Hatte Hoeneß Gewinne erzielt, landeten diese auf seinem Konto. Es sei Geld "hin und her" geflossen, berichtet ein Kenner.

Staatsanwaltschaft: Die Herkunft des Geldes ist geklärt

Derlei Arrangements unter Banken seien normal, heißt es, "nichts Anrüchiges". In diesem Fall habe es dazu geführt, dass viele am Finanzplatz Zürich schon seit Jahren über die Geschäfte von Hoeneß im Bilde gewesen seien: "Der Kreis war relativ groß." So erklärt sich manch einer, dass Einzelheiten des Falles publik werden konnten. Dabei hätten sich Fakten mit Falschem gemischt.

Die Herkunft des Geldes "ist über den ganzen Zeitraum geklärt", lässt die Münchner Staatsanwaltschaft wissen. Im dritten Quartal des Jahres 2000 habe der französische Unternehmer Robert Louis-Dreyfus über BNP Paribas fünf Millionen D-Mark an Hoeneß überwiesen; zudem gebe es dessen Bürgschaft. Diese erweiterte den Spielraum um 15 Millionen D-Mark.

Doch das war nicht alles: Hinzu kam Geld von Hoeneß. Dieses stammte von seinem Konto bei der deutschen Bank Reuschel und gelangte über die Graubündner Kantonalbank zu Vontobel. Auf diesem Weg landeten laut der Münchner Staatsanwaltschaft im Jahr 2001 rund 11,2 Millionen Euro in Zürich. Zwei Jahre später seien dann noch einmal 5,6 Millionen Euro geflossen. Die Transaktionen seien jeweils in mehreren Schritten verlaufen.

Einmal lagen auf den zwei Konten am Jahresende 164 Millionen Euro

Mindestens 27 Millionen standen somit für Spekulationen bereit. Wobei Hoeneß anfangs so erfolgreich war, dass er Geld und Bürgschaft von Louis-Dreyfus schon bald zurückgeben konnte. Laut Anklageschrift unterhielt Hoeneß von 2004 an ein zweites Konto bei Vontobel. Dieses diente ihm auch zum Handeln und erreichte vereinzelt ebenfalls stattliche Größenordnungen – einmal etwa rund 19 Millionen Euro. Zwischen den Konten floss über Jahre Geld hin und her.

"Der Höchststand auf einem der Konten war einmal (unterjährig) 150 Millionen Euro. Höchster Jahresendstand auf beiden Konten zusammen war rund 164 Millionen Euro", erklärt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage der ZEIT. "Das sind die Summen, die sich aus den Unterlagen ergeben." Im Verfahren habe man alles addiert.

Ein Anstieg von 27 Millionen auf 164 Millionen in ein paar Jahren – das ist weiter massiv, aber möglich. Zumindest wenn man wie Hoeneß Risiken eingeht, die jeden Vermögensverwalter wohl den Job kosten würden. Auf riesige Gewinne folgten später bekanntlich brutale Verluste.

Wie erklären sich Berichte wie zuletzt die eines anonymen Informanten im stern, Hoeneß habe bei Vontobel gar bis zu 400 Millionen Euro gehortet? Informierten Kreisen zufolge, stellen die differierenden Angaben nicht zwingend einen Widerspruch dar. Womöglich müsse man nur unterscheiden zwischen dem Geld des Uli Hoeneß und Geld der Bank Vontobel.

Wer dies verstehen will, muss wissen, dass Devisengeschäfte mit geringem Kapitaleinsatz auskommen. Die Spekulanten verdienen ihr Geld mit kleinsten Wechselkursunterschieden – etwa wenn der Wert des Euro von 1,3810 Dollar auf 1,3815 Dollar steigt. Damit sich das Spekulieren lohnt, müssen die Summen, die bewegt werden, entsprechend groß sein. Zugleich ist aber bei Währungspaaren wie Euro-Dollar nicht zu erwarten, dass eine Währung schnell zehn Prozent im Wert verliert. Daher ist es – vereinfacht gesagt – möglich, dass eine Bank im Kundenauftrag für 200 Millionen Euro amerikanische Dollar kauft, der Kunde selbst aber nur 20 Millionen Euro hinterlegen muss. Experten sprechen von einem "Hebel", in diesem Fall um den Faktor Zehn.

Es ging immer nur um Uli Hoeneß

Bei Uli Hoeneß und seinen teils Dutzenden Transaktionen am Tag ging es offenbar fast nur um die Ausführung von Aufträgen, nicht um Beratung. Alle Geschäfte sollen über die Konten des Kunden gelaufen sein. Theoretisch ist es daher denkbar, dass im Zeitverlauf mal Summen von umgerechnet 300 oder 400 Millionen Euro auf den Konten gelegen haben – ohne dass dies bedeuten muss, dass Hoeneß dieses Geld auch gehört hat. Ein Teil des Geldes wäre dann Kapital des Kunden, der Rest Kapital der Bank.

Treffen diese Überlegungen zu, führen Mutmaßungen, Hoeneß habe auch für Dritte gehandelt, wohl in die Irre. In Finanzkreisen ist zu hören, dafür gebe es keine Anhaltspunkte. Laut Staatsanwaltschaft haben all ihre Ermittlungen ergeben, "dass es immer nur die Person Uli Hoeneß war"; sie sieht auch keinerlei Hinweise dafür, dass es sich um ein FC-Bayern-Konto gehandelt haben könnte. Und Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern selbst, schloss dieser Tage aus, dass sein Verein "irgendetwas" mit dem Konto zu tun habe.

Was ist aber mit den 118,9 Millionen Euro Verlustvortrag, die in Verbindung mit Hoeneß’ deutschem Konto publik wurden? Die Summe ist spektakulär – doch auch sie ist kein zwingendes Indiz für Mauscheleien. Der Fußballmanager spekulierte auch über dieses Konto. Wer verlustreiche Geschäfte beendet, kann einen Verlustvortrag anmelden, sofern diese Geschäfte bei Gewinn steuerpflichtig waren – so lassen sich die Verluste mit späteren Gewinnen aus anderen steuerpflichtigen Geschäften verrechnen. Parallel kann der Spekulant aber Gewinne erzielt haben, die nicht steuerpflichtig waren.

Im Klartext: Ein Verlustvortrag von 118,9 Millionen Euro ist nicht gleichzusetzen mit einem Minus von 118,9 Millionen Euro. Abgesehen von den zwei Transfers zu Anfang, gibt es mehreren Aussagen zufolge keine Verbindung zwischen dem Konto bei Reuschel und den Konten bei Vontobel.

Natürlich hat die ZEIT einen der Anwälte von Uli Hoeneß um Kommentierung dieser Fakten und Einschätzungen gebeten – und erhielt den allgemeinen Hinweis darauf, was die Staatsanwaltschaft vergangene Woche gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte. Beides deckt sich aber nur in Teilen: Die Staatsanwaltschaft sah keine Bestätigung für "Abflüsse über das Bankhaus Julius Bär", sprach aber nicht über die Kooperation, und bei der Herkunft der Mittel war nur vom ersten Transfer durch Hoeneß die Rede, nicht vom zweiten. Auch anderes blieb unthematisiert.

Was bleibt? Vermutlich dies: Uli Hoeneß, über Jahre der Inbegriff des soliden Managers, hat privat wie ein Wahnsinniger spekuliert. Rund um die Uhr. Er nutzte ein Netz von Bankern. Hoeneß hat dabei nach bisherigen Schätzungen 28,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen und ist dafür zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Einiges, was danach noch offen, widersprüchlich oder zumindest lückenhaft war, lässt sich heute plausibel erklären. Der Rest könnte sich, sofern der FC Bayern München oder seine Sponsoren nicht auf eine eigenständige Aufarbeitung dringen, im Lauf der Zeit verlieren.