Das hat mir gerade noch gefehlt. Kaum ist der Flug nach Marrakesch gebucht, kaum sind die Koffer gepackt, geht es wieder los. Was höre ich im Radio? Zum ersten Mal seit langer Zeit zerdeppern wütende Marokkaner Fensterscheiben und Zäune. Es ist immer dasselbe: Sobald ich den südlichen Mittelmeerraum betrete, knirscht unter meinem Schuh zersplittertes Glas. Und zwar Glas, das kurz vor meiner Ankunft von protestierenden Zeitgenossen zertrümmert wurde. Ob ich die Pyramiden in Giseh sehen will oder die Hunde vom Syntagma-Platz in Athen – die Glaszertrümmerer sind wenige Stunden vorher auf die gleiche Idee gekommen und bereiten mir einen splitternden Empfang. Sei’s drum. Es gibt Kollegen, die erlegen mit der rechten Hand einen Löwen, während sie mit der linken einen Daiquiri mixen und gleichzeitig 100 intelligente Fragen an einen Filmstar richten. Und auch meine Kofferträgerin mahnt: "Stell dich nicht so an."

Aber warum lande ich überhaupt hier in Marrakesch, wo die Wüste so nah ist, dass die unter Palmen parkenden Kamele jeden Morgen unter Bergen von Datteln freigeschaufelt werden müssen?

Die Antwort ist naheliegend, wie so oft im Leben unseres Helden: weil hier entweder ein Luxushotel existiert oder ein Gourmetrestaurant. Wenn es Allah will (er ist von nun an für alles zuständig), stehe ich vor beiden.

Es gibt für viele allerdings noch andere Gründe, im Winter nach Marrakesch zu fahren. Wandeln unter Palmen ist in dieser Jahreszeit der absolute Hit. Nicht immer stehen die Palmen auf einem Sandstrand. Meinen Landsleuten ist es egal, solange das Thermometer 25 Grad Celsius nicht unterschreitet. Schon vom Auto aus, das mich vom Flughafen zum Hotel bringt, sehe ich, wie sie Palmen, Betonpromenade und sich selber auf ihre Smartphones bannen, welche sie nun sieben Tage lang nicht mehr aus der Hand legen werden.

Zu den beliebtesten Schnappschüssen gehören:

Nr. 1: Alter Mann mit Bart schlurft durch eine Gasse. Bodenlanges Gewand und Reste eines Turbans weisen ihn als Berber aus.

Nr. 2: Schlangenbeschwörer vom Djemaa-el-Fna-Platz. Seine Gestik verrät, dass er nicht fotografiert werden will.

Nr. 3: kopulierende Hunde, aufgenommen durch das heruntergekurbelte Fenster eines Taxis.

Es sind außerdem die stillen Wüstennächte, die die Touristen hierherlocken, auch wenn die eine Million Einwohner letztlich nicht in der Wüste leben und auch nicht überall Stille verbreiten. Was sie von anderen Wüstenbewohnern aber vor allem unterscheidet, ist ihre Nachbarschaft, die aus Luxushotels besteht. Man kann es das afrikanische Wunder nennen. Und weil Herr Wowereit daran interessiert ist, eine ähnliche Entwicklung in den märkischen Sand zu setzen, sei diese hier kurz skizziert: In Marokko herrschten viele Jahrhunderte die Araber; bis Franzosen und Spanier auf die Idee kamen, sich das prosperierende Land unter den Nagel zu reißen. Die Besatzer zerlegten das okkupierte Land jedoch nicht in Trümmer, sondern bauten sich um die alten Araberstädte neue Siedlungen in ihrem Stil. So entstanden nebeneinander zwei Welten. Die spektakuläre Romantik der primitiven Lebensform sprach sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter den Touristen der ersten Generation schnell herum. Den Männern gefiel es, im Kaftan herumzulaufen, Tausendundeine Nacht wurde neu aufgelegt. Der berühmteste Schauspieler seiner Zeit hieß Rudolph Valentino und brachte als Scheich im gleichnamigen Film die Frauen zur Raserei. Die Souks der arabischen Städte, bis dahin Basare genannt, erwiesen sich als unwiderstehliche Anziehungspunkte nicht nur für Fotografen, sondern für schräge Vögel aller Art, und so stieg der Bedarf an Hotelbetten enorm.

Marrakesch war lange das Symbol eines schicken, exotischen Tourismus, dessen Spitze viele Jahre das Hotel La Mamounia bildete. Bis dann der Pizzabäcker aus Bielefeld seinen Coup landete. Er kaufte weit vor der Stadt fünf Hektar Land und verwandelte sie in ein Superluxushotel. Der Mann hat darin Erfahrung, da ihm weltweit bereits neun renommierte Grandhotels gehören. Was er aber 25 Kilometer vor Marrakesch buchstäblich aus dem Boden stampfte, ist märchenhaft. Auf einer riesigen Fläche, die außer dem Charme eines Truppenübungsplatzes mit rachitisch krummen Palmen nichts aufzuweisen hatte, ließ Dr. Oetker mit viel Geld und Geduld in sechs Jahren ein modernes Weltwunder entstehen. Eine Luxusoase, so sinnlos wie der Koloss von Rhodos, aber so schön wie Capri.

Wo Oetker draufsteht, ist Luxus nicht weit. So habe ich nicht immer gedacht ... Aber seit ich einige Male in Paris im Hotel Bristol bei Oetkers gewohnt und die Pfennigfuchser des Verlags in Panik versetzt habe, sehe ich das anders. Das Bristol gilt als das luxuriöseste Hotel von Paris. Und gehört seit Neuestem zu den mit drei Michelin-Sternen am höchsten bewerteten Küchen Frankreichs. Da sollte man einen ähnlichen Qualitätsstandard auch in Marokko erwarten können, dachte ich und vergaß die berüchtigten Pizzas aus Bielefeld.

Nachdem wir ungefähr 20 Minuten durch eine mit Olivenbäumen kümmerlich bepflanzte Ebene transportiert worden waren, zu denen sich bizarr geformte Palmen gesellten, bog der Fahrer in eine Landstraße mit der Anmutung einer Schlaglöcherfachmesse ein. Orangenbäume voller Früchte vor und grellviolette Bougainvilleen hinter einer endlos langen Mauer ließen einen gepflegten Garten vermuten, und auch die Palmen, die ihres geraden Wuchses wegen ihre enorme Höhe nicht verbergen konnten, bereiteten uns auf eine luxuriöse Oase vor. Das Tor, das unserem Fahrer von livrierten Domestiken geöffnet wurde, gab zu erkennen: Wir waren in Dr. Oetkers Palais Namaskar angekommen.

Das Hotel der Oetker-Collection sieht nicht aus wie von Zaha Hadid gebaut. Was ich da vor mir sehe, ist eine Wellnessoase mit deutschem TÜV-Zertifikat vom Keller bis zu den Zinnen. Blumen, Bäume und Gräser wachsen üppig neben flachen Kanälen vor indischen Prachtfassaden; die einzelnen Zimmer sind in Wirklichkeit hinter hohen Mauern versteckte, frei stehende Häuser, viele davon mit eigenem Pool. So ungefähr stelle ich mir Malibu vor, Malibu ohne Autos.