Nikolaus Brender ist an diesem Morgen früh aufgestanden, Sonne und Anspannung haben ihn aus dem Hotelzimmer nach draußen getrieben. Er hat einen Spaziergang zum Zoologischen Garten von Karlsruhe gemacht und dort die Flamingos fotografiert. Um 8.45 Uhr, über eine Stunde zu früh, hat sich der ehemalige Chefredakteur des ZDF in seinen Wagen gesetzt und ist losgefahren: die Kriegsstraße entlang, die zum Bundesverfassungsgericht führt.

Brender auf der Kriegsstraße – das passt.

Es ist auch sein ganz persönlicher Kampf, der an diesem Tag vor dem höchsten Gericht Deutschlands sein Ende finden wird, wenn die Richter ihre roten Kappen absetzen werden, um zu verkünden, dass die Aufsicht des ZDF in ihrer jetzigen Form dem Grundgesetz widerspricht. Dann fordern sie die Gesetzgeber auf, dafür zu sorgen, dass der Einfluss des Staates und der Parteien auf die Sender in Zukunft erheblich zurückgedrängt wird.

Brender ist mit Flugzeug und Leihauto die 700 Kilometer aus Berlin angereist, um diesen Worten im Zuschauerraum folgen zu können – und sicher auch, um die Reaktionen all der politischen und journalistischen Strippenzieher zu sehen, die sich ebenfalls eingefunden haben: die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, der ZDF-Intendant Thomas Bellut, der Fernsehratsvorsitzende Ruprecht Polenz (CDU) und viele mehr.

Für die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist seit einem halben Jahrhundert kein Urteil mehr so wichtig gewesen wie dieses. 1961, als Bundeskanzler Konrad Adenauer noch das Land regierte, hat das Bundesverfassungsgericht es ihm verboten, als Gegengewicht zur ARD, die ihm zu weit links stand, ein vom Bund kontrolliertes zweites Fernsehprogramm zu schaffen, ein "Adenauerfernsehen" sozusagen. Stattdessen entstand das ZDF. Die Politik hat es später aber doch verstanden, sich beachtlichen Einfluss in der Aufsicht der Anstalt zu verschaffen. Bis zu diesem Tag, bis zum Abschluss der Causa Brender.

Das Bundesverfassungsgericht hat angeordnet, den Anteil der Politiker in den Aufsichtsgremien des ZDF auf ein Drittel zu senken. Im Moment sind es 44 Prozent. Das Urteil bedeutet also, dass die Gremien neu strukturiert und Mitglieder ausgetauscht werden müssen. Das wird auf viele andere Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abstrahlen, deren Politikeranteil ähnlich hoch ist: Der Rundfunkrat des MDR etwa ist zu 35 Prozent von Politikern besetzt, beim BR sind es 38 Prozent und im Deutschlandradio sogar 47 Prozent.

CDU-Mann Roland Koch wollte den Chefredakteur Brender weghaben

Diese Richter wollen den Ursprungsgedanken hinter den Gremien stärken: Alle gesellschaftlichen Gruppen sollten das Programm beaufsichtigen. Vielfältig und staatsfern möchte das Gericht die Aufsicht bis spätestens Mitte 2015 gestaltet sehen.

Alles anders – und alles wegen ihm: Brender. Wie ein Held sieht er nicht aus in seinem weiß-blau gestreiften Hemd und dem grauen Sakko; mit seinem Schreibblöckchen auf den Knien, den Richtern hoch konzentriert zuhörend und sich ein paar krakelige Notizen machend, wirkt er eher wie ein Student während seiner wichtigsten Prüfung.

Zu einem Helden für unabhängigen Journalismus stilisierten ihn viele Deutsche, nachdem sein Vertrag als Chefredakteur des ZDF im Jahr 2010 nicht mehr verlängert worden war, weil die Politik es so wollte: Der CDU-Politiker Roland Koch hatte im Sender gemeinsam mit Parteikollegen darauf hingewirkt.