Er wartet auf den Schreibenden am Ende der Bahnhofunterführung in St. Gallen. Alfonso Hophan, dieser 21-Jährige, dessen Maturaarbeit, am 4. April, "in österlichen Ziten" im Jahre unseres Herrn 2014, im Buchhandel erscheint. Er, Alfonso, der letzte Stammhalter der Hophans mit Wohnsitz im Lande Glarus, hat seinen Erstling, die Chronik des Balthasar Hauser, nicht den lieben Eltern, den Großeltern, dem verehrten Lehrer oder einer holden Dulzinea gewidmet, sondern "dem Lande Glarus". Und diese Widmung hat ihre innere Notwendigkeit – doch dazu später.

Wer ist dieser Kerl, der den Balzli Arzethuser, den "thumben Tor", den Glarner Bauerntölpel und Bilderstürmer, ersonnen hat, der Anfang des 16. Jahrhunderts nach elf Wintern als Vollwaise, in der usserwählten, loblichen Eydtgnosschaft in blutige Gefüegnisse geriet?

Wir queren die Straße und dringen im Café Metropol über einer Schale Kaffee in das Beziehungsgeflecht von Autor und Protagonist, von Fakten und Fiktion. Alfonso Hophan trägt einen beigefarbenen Markenpulli über einem karierten Hemd und ist etwas nervös, weil er erstmals vor laufendem Aufnahmegerät Auskunft über seine Person geben soll. Vorab zum Namen Hophan, der nicht etwa Hofan auszusprechen ist, sondern Hop-han, wie Alp-horn. Es ist einer der ältesten Glarner Namen. Alfons Hophan hieß schon einer seiner Vorväter, und einzig das auslautende o verweist auf die Mutter, eine spanische Rechtsanwältin. "Ich bin eben ein Heimweh-Mensch", gesteht der junge Autor und erzählt von seiner zweiten Heimat: Aragonien. Dieses karge, weite Land mit seinem 180-Grad-Sternenhimmel – Hophans Hände öffnen sich zu einer segnenden Geste – bildet den denkbar schärfsten Gegensatz zum engen Zigerschlitz mit seinem satten Grün im Talgrund. Die ersten Lebensjahre verbrachte Hophan in Näfels, der katholischen Hochburg des einzigen ungeteilten, bikonfessionellen Kantons der Schweiz. Dort beschäftigte der Freulerpalast seine Fantasie: Wie war diese barocke Prachtentfaltung im Bergkanton zu erklären? Dann zog seine Familie talaufwärts ins protestantische Schwanden. Kann man als Glarner nicht anders als geschichtsbesessen sein? Er habe genug Kollegen, sagt Hophan, die ganz gut von Historie unbelastet durchs Leben gehen. Für ihn aber, den Sanitätsleutnant, der gern historische Romane liest, stand früh fest, dass er einmal sich darin würde versuchen wollen. Die Maturaarbeit schaffte den nötigen Druck für das Vorhaben, das dem betreuenden Deutsch- und Geschichtslehrer anfänglich überrissen erschien.

Umberto Eco ist sein großes Vorbild. "Ein Meister", raunt Hophan ehrerbietig, und seine Rechte legt sich kurz auf sein Herz. Von dessen Name der Rose hat er auch den Kniff abgeluchst, einen alten Mann kurz vor dem Tode über Erlebnisse und Torheiten seiner frühen Jugend erzählen zu lassen. So konnte er die Zeit mit den staunenden Augen des Vorpubertierenden schildern, dem alles neu ist, und mit dem wissenden Kommentar des lebenssatten Greises versehen.

Heilig ist dem Autor der Tempel der Tradition. Feste Säulen sind ihm die überlieferten Chroniken. Vor allem seine Hauptquelle, die Chronik des Glarner Leutpriesters Valentin Tschudi, der, befreundet mit dem Reformator Zwingli und vielen Humanisten seiner Zeit, hilflos erleben muss, wie seine Gemeinde sich in Alt- und Neugläubige teilt. Wie er das schildert, greifen Hophans Hände nach vorn, als teilte er das Rote Meer.

In diese Welt des Umbruchs setzte er seinen naiven Protagonisten: Balzli, Bauernbub aus Bilten, verliert seinen Vater, der als Söldner sein Glück auf den Schlachtfeldern Norditaliens suchte. Mutter und Bruder rafft die Pest des Jahres 1526 hinweg. Zwingli ist in Zürich nun fest im Sattel und gewinnt im selben Jahr an der Badener Disputation Zulauf aus anderen eidgenössischen Ständen. Und im fernen Mohács siegen die Türken über die Christenheit. Das alles erfährt Balzli im Haus des vornehmen Soldunternehmers Heinrich Hässi, der ihn – Waise eines standhaften "Helden" – in seinen wohlhabenden Haushalt aufgenommen hat. Dort erwacht Balzlis erste keusche Liebe zur grünäugigen Sophie. Doch sie lernt Französisch, ist einem französischen Offizierskameraden des Vaters versprochen. Und so schließt sich Balzli dem Bauernbub Peter und mit diesem dem Täufer Cajakob an, der den großen Wandel predigt: die Befreiung der Menschen und die nahe Ankunft des Reiches Gottes. Wie Balzli darin schuldig wird und Valentin Tschudi zu seinem Retter, das alles zu erzählen, drängt es den greisen Balthasar Hauser am Abgrund des Todes. Weil er es der Wahrheit schuldet. Und seinem Retter, der seine Untaten, um ihn zu schützen, aus seiner Chronik tilgte.

Alfonso Hophan selbst hat dieser Tage eigentlich keinen Kopf für längst Vergangenes. Der angehende Jusstudent muss wieder über die Bücher, um das Assessmentjahr an der HSG St. Gallen zu bestehen. Schreiben tut er noch, nebenbei. Spruchreif ist noch nichts. Und wenn das Wetter schön ist, wird er heute, am "ersten Donnerstag im Abrellen", an der Näfelser Fahrt teilnehmen, die seit 1835 katholische und reformierte Glarner zu einem einzigartigen Schlachtgedenken wiedervereint hat. Er weiß, warum.