Sozialpsychologen aus England und Australien haben kürzlich herausgefunden, dass eine strenge Kontrolle des Arbeitsplatzes bei den Beschäftigten zu körperlichem und geistigem Unbehagen führt. Angestellte fühlen sich viel wohler, wenn sie das Gefühl haben, selbst die Kontrolle über ihren Arbeitsplatz zu besitzen. Je freier der Mensch in seiner Bürogestaltung ist, desto größer also sein Wohlbefinden. Und wer sich gut fühlt, der leistet gute Arbeit.

So lautet in etwa das Credo der modernen Berufswelt. Google zum Beispiel scheint es schon verinnerlicht zu haben. Dort zu arbeiten muss toll sein. Nach allem, was man hört, herrscht beim amerikanischen Internetkonzern das kreative Chaos: mit Fitnesscenter, kostenlosem Essen und Büros, die Spielplätzen gleichen. "Wir sind davon überzeugt, dass die richtige Unternehmenskultur die beste Basis für innovative und kreative Ideen ist", heißt es in den Firmengrundsätzen.

Aber ist die Botschaft auch bei deutschen Arbeitgebern angekommen? Man kann das überprüfen. Bei den großen Firmen steht der Spaß zwar nicht im Vordergrund, jedoch herrschen dort auch keine besonderen Restriktionen. Bei Siemens sollen die Schreibtische lediglich so hinterlassen werden, wie sie vorgefunden wurden. Die Commerzbank kommt ohne besondere Regeln aus, ebenso die AOK und die Deutsche Post. Interessant wird es bei kleineren, weniger prominenten Unternehmen. Die preisgekrönte Hamburger Werbeagentur Jung von Matt zum Beispiel lässt keine "Büroindividualisierungen" zu, heißt es im Mitarbeiter-Merkblatt – zu googlebunt soll es dort nicht zugehen. Eine weitere Regel besagt, dass, wer zu spät zur Wochenkonferenz erscheint, nicht mehr teilnehmen darf. Bei der Agentur achtung! mit Büros in Hamburg und München läuft es ähnlich. Der clean desk ist nach getaner Arbeit oberstes Gebot: "Ordentliche Schreibtische vermitteln unseren Kunden schon auf den ersten Blick, wie ›aufgeräumt‹ wir arbeiten und dass wir Projekte fest im Griff haben", sagt einer der Geschäftsführer, Mirko Kaminski.

Die bundesweit vertretene Werbeagentur Serviceplan geht noch einen Schritt weiter: Hier sind nicht nur Festtelefone verboten – jeder hat ein tragbares Gerät –, sondern auch Pflanzen, Eigenwerbung an den Wänden, geschlossene Türen und Einzelbüros. "Wir sperren uns nicht weg", sagt Geschäftsführer Florian Freiherr von Hornstein. Auffällig streng praktiziert auch die Beraterfirma Klenk & Hoursch in Frankfurt am Main ihr Unternehmenscredo: "Ordnung ist die Quelle der Effizienz." Genaue Anweisungen an die Beschäftigten sind dem Firmen-Wiki zu entnehmen: "Privaten Krimskrams gibt es nur in den zwei Schubladen des Containers. Nicht auf und unterm Tisch, nicht in Schränken, Kellern und Kühlschrank. Pflanzen gibt es nicht, Blumen nur, solange sie frisch sind. Bilder und andere Deko-Elemente müssen im Einzelfall genehmigt werden."

Gibt es eigentlich Oasen der Freiheit in der deutschen Unternehmenslandschaft? Auf jeden Fall nicht dort, wo man sie vermuten würde. Die amerikanische PR-Agentur Fleishman-Hillard, die auch in Berlin ein Büro hat, versucht immerhin die Kreativität ihrer Mitarbeiter zu beflügeln, indem sie die Büroräume nach verschiedenen Themenfeldern dekoriert: So ziert eine Weltkarte der sozialen Online-Kanäle die Wände des Social-Media-Teams, während die Health-Care-Truppe sich an ihren Wänden über medizinische Themen schlaumachen kann. Und wer das Glück hat, bei der DZ Bank angestellt zu sein, darf sich aus der hauseigenen Kunstsammlung zeitgenössische Fotografie für sein Büro aussuchen.

Und wie streng geht der oberste Ordnungshüter, der Staat, mit seinen Angestellten um? Es mag verwundern, aber bis auf individuelle Schreibtischlampen, die beim Umweltbundesamt auf dem Index stehen, hört man von staatlichen Stellen wenig über Verbote. Nicht einmal die Bundesagentur für Arbeit macht ihren Leuten Vorgaben. Während jeder Hartz-IV-Empfänger sich durch ein bürokratisches Dickicht aus Regeln und Verordnungen schlagen muss, ehe er seine erste Auszahlung erhält, genießen die Damen und Herren in den Jobcentern zumindest bei der Gestaltung ihres Arbeitsplatzes völlige Freiheit. Vielleicht darf man das vorsichtig als erstes Zeichen des Fortschritts werten – in eine Welt mit weniger Regeln für alle.