Die Aufregung ist riesig. Es wird hochemotional diskutiert, viele Galeristen seien, so sagen sie, komplett orientierungslos. Was alle so sehr erregt, ist allerdings keine neue künstlerische Avantgarde, die alle Sehgewohnheiten umwälzt. Es geht um den Mehrwertsteuersatz.

Kommenden Mittwoch eröffnet in Köln die Art Cologne, und die hiesigen Galerien sind sich im Unklaren, wie viel Mehrwertsteuer sie den Käufern berechnen sollen. Die Unruhe ist verständlich, denn auf der Art Cologne wollen die Galeristen möglichst viele Rechnungen schreiben. Die bereits 1967 gegründete Verkaufsausstellung ist nach ein paar schwierigen Jahren wieder zur wichtigsten Kunstmesse der Republik aufgestiegen, zumindest was die moderne und zeitgenössische Kunst angeht.

In den Kölner Messehallen werden bis zum 13. April Tausende von Kunstwerken zu sehen sein, zweihundert Galerien wurden zugelassen – darunter viele richtungsweisende Kunsthandlungen aus Deutschland, aber auch Global Player wie David Zwirner und Hauser & Wirth. Das Angebot ist üppig, es reicht von Bildern des in London und New York gehypten, 1986 in Kolumbien geborenen Künstlers Oscar Murillo (bei David Zwirner) bis hin zu zwei Stillleben des lang bewährten Ernst Ludwig Kirchner (bei der Galerie Henze & Ketterer).

Sowohl die Galerie Nagel Draxler (Berlin/Köln) als auch Sprüth Magers (Berlin/London) zeigen derweil Arbeiten von Louise Lawler – was nicht von ungefähr kommt. Hatte doch das Kölner Museum Ludwig erst kürzlich der Künstlerin eine große Retrospektive gewidmet und so das Werk der in Brooklyn lebenden Lawler (Jahrgang 1947) bei den rheinischen Sammlern bekannt gemacht. Lawler interessiert sich seit den siebziger Jahren dafür, wie und wo Kunst präsentiert wird, welches Leben ein Kunstwerk erwartet, wenn es erst mal das Atelier des Urhebers verlassen hat. Sie untersucht den Prozess des Zeigens, bei dem der Kunst ihr jeweiliger Wert zugeschrieben wird, bei dem sie den Geschmack beeinflusst oder sich ihm zuordnet. Auch auf Kunstmessen hat Lawler schon fotografiert.

Sprüth Magers zeigt nun Lawlers Detailaufnahme eines pinkfarbenen Bildes von Andy Warhol aus dessen Diamond Dust-Serie. Warhols Bild ist eigentlich ein Porträt Joseph Beuys’, doch durch die Wahl eines kleinen Ausschnitts sieht man bei Lawler nur noch einen schönen, glänzenden Farbschleier. Betitelt hat sie das Werk von 2008 Hedge Fund (Sugar), eine Anspielung auf die Beliebtheit Warhols bei den ultrareichen Managern. Sprüth Magers bietet auf der Messe auch ein sogenanntes Tracing Lawlers aus dem Jahr 2013 an, die Umrisszeichnung nach einer älteren Aufnahme von einer Sammlerwohnung, aus der ebenfalls eine leise Kritik am Geschmack der Geldelite spricht: Im Hintergrund des Bildes sieht man eine schlichte, weiße, von Lucio Fontana fünffach geschlitzte Leinwand hängen. Den Vordergrund aber dominiert das glitzernde Kristallglas eines opulenten Kronleuchters.

Für so eine Leinwand von Lucio Fontana oder eine Zeichnung von Lawler wurden bislang in Deutschland beim Wiederverkauf nur sieben Prozent Mehrwertsteuer berechnet. Weil die EU-Kommission jedoch 2012 den ermäßigten Mehrwertsteuersatz als unerlaubte Subvention des deutschen Kunsthandels bemängelte, müssten Galerien wie Sprüth Magers Fontanas geschlitzte Leinwände heute eigentlich mit 19 Prozent Mehrwertsteuer in Rechnung stellen. Nach konzertierten Protesten des Kunsthandels – der mit höheren Endpreisen für die Sammler auch einen Niedergang des Kunststandorts Deutschland befürchtet – war vergangenes Jahr dann ein Kompromiss gefunden worden. Deutsche Galeristen sollten von Januar 2014 an mit der sogenannten pauschalen Margenbesteuerung arbeiten dürfen. Dabei werden nur 30 Prozent des Preises eines Kunstwerks mit den 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt.

Diesen vom Bundestag beschlossenen Kompromiss haben die Finanzämter der Länder bisher jedoch nicht umgesetzt, es fehlt ein sogenannter Ausführungserlass. Die Galeristen sind erbost. An der Mehrwertsteuerfrage, so ein Berliner Galerist, seien schon mehrere Kunstverkäufe geplatzt. "Eine ganze Branche ist in Rechtsunsicherheit geworfen worden", sagt auch Klaus Gerrit Friese, Galerist aus Stuttgart und bis Mitte vergangenen Jahres Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler. Unerbittlich hatte er gegen die 19 Prozent Mehrwertsteuer gekämpft und wird deshalb nun – auf der Art Cologne bietet er Blätter des Zeichners und Karikaturisten Saul Steinberg (1914 bis 1999) an – einfach mit der vom Bundestag beschlossenen Margenbesteuerung arbeiten. Auch wenn das ein finanzielles Risiko ist, falls die Finanzämter nicht einlenken sollten.

Könnte die Erhöhung der Mehrwertsteuer dem Aufschwung der Art Cologne schaden? Daniel Hug, der erfolgreiche Direktor der Messe, zeigt sich recht zuversichtlich. Kunst sei eine Luxusware, die man aus Liebe oder als Geldanlage erwerbe. Die Mehrwertsteuer werde die Sammler sicher nicht vom Kauf abhalten.