Im Dezember besuchte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe den Yasukuni-Schrein, wo auch Kriegsverbrechern gedacht wird. Deutschlands Regierungssprecher Steffen Seibert reagierte scharf: "Jede Nation muss sich ehrlich darüber Rechenschaft ablegen, welche Rolle sie in den grauenhaften Kriegsereignissen des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Auf der Basis dieser ehrlichen Rechenschaft ist es dann auch möglich, mit den ehemaligen Feinden eine Zukunft zu bauen. Das ist eine Überzeugung, die sich Deutschland zu Herzen nimmt und die meines Erachtens für alle Staaten gilt."

Kurz darauf deuteten Bundespräsident Joachim Gauck und Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf der Münchner Sicherheitskonferenz mehr Kühnheit in der deutschen Außenpolitik an. Beide kündigten an, dass Deutschland sich "substanzieller einbringen" und mehr Verantwortung auf der Weltbühne übernehmen wolle. Gauck sprach unter anderem von der "Aussöhnung mit den Nachbarn" als erstem internationalem Erfolg Nachkriegsdeutschlands. Dieser Gedanke ist ein guter Wegweiser.

Eine dringende Gelegenheit, diese Erfahrungen und Ambitionen in Außenpolitik zu verwandeln, bietet sich Deutschland in Asien. Die Gräuel des Japanisch-Chinesischen Krieges von 1937 bis 1945 sind dort nie aufgearbeitet worden. Dieses Versäumnis zeigt gerade immer gefährlichere Folgen.

Der Streit zwischen Japan, Südkorea und China um die territoriale Zugehörigkeit von Inseln eskaliert von Tag zu Tag. Provokationen und aggressiver Nationalismus nehmen auf allen Seiten zu. Deutschland hat sich bisher nicht in den Streit hineinziehen lassen. Damit ist die Bundesregierung nicht nur als historisches Vorbild einer Nachkriegsversöhnung mit Nachbarstaaten, sondern auch als möglicher Vermittler prädestiniert.

Tatsächlich hat Außenminister Steinmeier Ostasien als ersten Konfliktherd benannt, bei dem Deutschland zum Frieden beitragen könne. Hier sind ein paar Vorschläge, was Deutschland sofort angehen könnte:

Chinas Staatschef Xi Jinping dazu bringen, mit Japan zu reden;

Vertreter aus Japan, Südkorea und China an neutralem Ort versammeln, um über den Territorialstreit und die tiefer gehenden historischen Eifersüchte zu sprechen;

eine Konferenz ostasiatischer Interessengruppen einberufen, um über die Lehren aus sieben Jahrzehnten Versöhnungsbemühungen in Deutschland zu sprechen.

Mindestens zehn Lektionen aus eigener Erfahrung könnte Deutschland vermitteln:

1. Versöhnung ist ein langwieriger Prozess, der niemals endet. Die vollkommene Harmonie, auf die Ostasiaten offenbar so sehr aus sind, wird es niemals geben.

2. Versöhnung wird oftmals von der Zivilgesellschaft vorangetrieben. Ermutigung von Staatsseite ist deshalb wichtig.

3. Versöhnung kann bei Politik und Bevölkerung auf Widerstand stoßen. Dann sind Anführer mit einer Vision gefragt.

4. Versöhnung kann Territorialstreits beilegen, aber nicht sofort. Solche Konflikte lassen sich leichter im Rahmen größerer Prozesse bewältigen, bei denen historische und emotionale Fragen unabhängig voneinander behandelt werden.

5. Zahlungen an Opfer können nicht einfach per Gesetz festgelegt werden und gelten auch nicht als abgeschlossen, solange es noch legitime Forderungen gibt. Deutschland hat an Israel gezahlt, obwohl es zum Zeitpunkt der deutschen Verbrechen keinen jüdischen Staat gab. Ohne diese Zahlungen wäre eine Versöhnung undenkbar gewesen.

6. Versöhnung funktioniert nur mit Partner. China und Südkorea können keine Versöhnung mit Japan erwarten, wenn sie sich nicht auf einen Dialog einlassen.

7. Wichtig sind regionale Rahmenabkommen. Freihandelsgespräche zwischen China, Südkorea und Japan könnten die Grundlage für Versöhnung sein.