Vielleicht liegt es an der Art, wie die Farbe von den Mauern der alten Fabrikgebäude abblättert: so schrundig, dass man daran zupfen möchte. Vielleicht liegt es an der Beharrlichkeit, mit der das Licht einen Weg durch Rauchschwaden und fleckige Gardinen sucht. Oder es ist Christian Bales Gesicht, das diesen Film so wirkungsvoll macht: mager, offen, ein bisschen Pop-Christus, mit einem Hauch verblassender Bräune auf den Wangen.

Die Sonne sieht der Held von Scott Coopers Auge um Auge allerdings nur selten. Bale, der gerade noch als schmerbäuchiger Betrüger in American Hustle für den Oscar nominiert war, spielt hier einen Mann, der sein Geld im Schweiße seines Angesichts verdient – als Hochofenarbeiter in einer Industriesiedlung nahe Pittsburgh. In der Gegend hatte Andrew Carnegie den Grundstein zu seinem Stahlimperium gelegt. Aber das ist Geschichte und das einst blühende Braddock ein heruntergekommenes Kaff.

Stoisch wie die Männer in Bruce Springsteens Song Factory macht sich Russell Baze morgens auf den Weg zur Arbeit. Er hat sich um einen todkranken Vater zu kümmern, um die Freundin, die sich ein Kind wünscht, und vor allem um den jüngeren Bruder, der nach mehreren Einsätzen im Irakkrieg traumatisiert ist. Am Anfang des Films scheint sich eine neue Ära anzukündigen – im Fernsehen rühmt Ted Kennedy den Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Aber für die Brüder Baze geht es bergab. Russell baut angetrunken einen schweren Unfall und muss ins Gefängnis. Rodney hat Wettschulden und lässt sich mit einem irren Provinzkriminellen ein, der illegale Kämpfe organisiert – im Wald, in den Bergen, wo die Gesellschaft in Stämme zerfällt.

Als Russell aus der Haft entlassen wird, ist sein Leben aus den Fugen. Der Vater ist gestorben, die Freundin weg, dem Werk droht die Schließung; Rodney steckt in üblen Schwierigkeiten. Und was als Arbeitergeschichte begonnen hat, mäandert hinüber in andere Genres: Drama, Drogenkrimi, Rachethriller. Fast alles in Auge um Auge erinnert an etwas. Casey Afflecks zerbrechlich wirkender, im Kampf aber manischer Rodney lässt an die verlorenen Soldaten in Fred Zinnemanns Verdammt in alle Ewigkeit denken. Woody Harrelson sitzt als tätowierter, bösartiger Hillbilly im Zentrum einer gewalttätigen Intrige wie Robert Mitchum in seinen Psychopathen-Thrillern. Den längsten Schatten wirft Michael Ciminos Vietnamkriegsklassiker The Deer Hunter: dasselbe Setting im "Rostgürtel" der Staaten, eine ähnlich fürsorgliche Beziehung zwischen den männlichen Hauptfiguren. Und dann die Landschaft mit Hirsch, durch die Russell einmal mit dem Gewehr pirscht, dieses emblematische Jagdmotiv, an dem Cimino Vorstellungen amerikanischer Männlichkeit getestet hatte.

Aber es ist nicht der bewusstlose postmoderne Nostalgiemodus, in dem sich der Regisseur und Autor Scott Cooper bewegt. Vielmehr scheint sich im sorgfältigen Retrostil von Auge um Auge Trauer auszudrücken: eine tiefe Enttäuschung darüber, dass es einfach nicht mehr vorangehen will mit der Geschichte, auch in den Jahren der Obama-Regierung nicht vorangegangen ist. Der Krieg draußen hat nie wirklich aufgehört, und er ist sogar nach Hause gekommen – als verschärfter Kampf gegen den sozialen Abstieg. So wohnen wir in den alten Bildern wie die Figuren im Film zwischen dem abgenutzten Mobiliar, das mal einer gekauft hat, als die Stahlindustrie noch florierte.

Man hätte das auf spröde Weise erzählen können, vielleicht wie in dem Film Winter’s Bone, der vor vier Jahren zeigte, dass in den USA ganze Bevölkerungsschichten in die Subsistenzwirtschaft zurückfallen. Doch Cooper scheint ein Romantiker zu sein, einer, der sich einen Abgesang auf Amerika nur in ebenjenem poetischen Helldunkel vorstellen kann, von dem in der Nationalhymne die Rede ist: "twilight’s last gleaming ..., dawn’s early light". Masanobu Takayanagis Kamera gibt dem Film einen düsteren Glanz. Und schon lange ist die Sonne nicht mehr so interessant aufgegangen wie in den letzten Szenen von Auge um Auge.

Cooper hatte mit Crazy Heart dafür gesorgt, dass Jeff Bridges einen Oscar bekam, und hier führt er ein ohnehin trittsicheres Darstellerteam zu Höchstleistungen, auch Willem Dafoe, Zoë Saldaña, Forest Whitaker in den Nebenrollen. Christian Bale spielt sich dabei endgültig in die Champions League, ohne Accessoires, ohne Effekte, durch rein mimisches Mikromanagement. Vom Faltenwurf zwischen den Augen bis zur Spannung der über die Knochen gezurrten Wangenmuskeln, vom verhaltenen Lächeln bis zum flackernden Schmerz wirkt jeder Zug in Bales Gesicht erschütternd echt, beängstigend ungeschützt. Sodass man plötzlich gern mal wieder an einen dieser einfachen amerikanischen Typen der Henry-Fonda-Schule glaubt, die gegen jede Chance versuchen, alles richtig zu machen. Bis zum bitteren, dubiosen Ende.