Er vertraue keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht habe, soll Winston Churchill gesagt haben. Auch wenn das Zitat sich selbst als Fälschung erwies: Dass man mit Zahlen und Grafiken gut lügen kann, ist bekannt. Die gefährlichsten Grafiken sind dabei jene, die man gar nicht als solche erkennt. Sie kommen daher als bunte Schnappschüsse wissenschaftlicher Phänomene – etwa von Hirnaktivitäten, Atomen oder fernen Planeten –, und sie suggerieren, mit ihnen bekomme man etwas "in echt" zu sehen, was bislang dem menschlichen Auge verborgen blieb.

Aber echt ist nichts davon. Was aussieht wie ein authentisches Foto, ist in Wahrheit oft schönste Infografik, zubereitet aus einem Satz nüchterner Daten. Nehmen wir etwa die beliebten Aufnahmen aus dem Kernspintomografen, die angeblich Denkprozesse zeigen. Was sieht man? Ein grauweißes Gehirn, in dem an bestimmten Stellen farbige Flecke aufleuchten. Klare Sache, denkt der Laie, hier leuchtet das Denken.

Was er nicht weiß: Das dargestellte Hirn existiert in der Regel so gar nicht. Es ist vielmehr ein Durchschnittsbild, ermittelt aus vielen Einzeldaten mehrerer Personen mithilfe komplexer statistischer Verfahren. Dabei zeigen die farbigen Areale nur die Wahrscheinlichkeit für Abweichungen vom Normalwert; sie sagen aber nichts darüber aus, wie groß denn nun die Hirnaktivität in diesen Arealen tatsächlich ist. Nach diesem Prinzip erschiene etwa ein stets faul herumstehender Fußballspieler schon dadurch als Leistungsträger, dass er kurz einmal locker übers Feld trabt.

Weil Kernspinbilder aber einen fotografischen Charakter haben und ihre wahre grafische Natur verschleiern, besitzen sie eine Überzeugungskraft, die viel zur Popularität der Hirnforschung beiträgt. Dabei fallen allerdings wichtige Erkenntnisse leicht unter den Tisch – wie etwa die Tatsache, dass kein Hirn dem anderen gleicht und jedes Denkorgan seine ganz eigene Individualität besitzt.

Auf ähnliche Weise haben auch die farbenfrohen Aufnahmen ferner Himmelskörper wenig mit der Realität zu tun: Sie sind eher das Ergebnis einer künstlerischen Komposition. Ihnen zugrunde liegen die Daten, die Satelliten oder Raumsonden aufgenommen haben. Diesen Messwerten werden dann – zum Teil recht beliebig – bestimmte Farben zugeordnet. Dabei lassen sich auch Signale aus Spektralbereichen berücksichtigen, die für das menschliche Auge eigentlich unsichtbar sind – zum Beispiel infrarote oder ultraviolette Strahlung.

Auf diese Weise entstehen zwar sehr eindrucksvolle Bilder von interstellaren Gasnebeln oder von explodierenden Supernovä, die aber keinen tatsächlichen sichtbaren Eindruck wiedergeben. Könnte man durch diese bunt kolorierten Weiten des Alls eines Tages tatsächlich reisen, wäre man von der (meist schwarzen) Realität jedenfalls ziemlich enttäuscht.

So ist die wissenschaftliche Bildverarbeitung ein recht zwiespältiges Instrument. Einerseits vermittelt sie Einblicke in Welten, die der Menschheit jahrhundertelang verschlossen blieben. Andererseits macht sie eben immer nur das sichtbar, was die willkürlich gewählten Filter unserer Messinstrumente passiert. Und leicht gerät dabei in Vergessenheit, dass die Wissenschaft uns immer nur Modelle der Wirklichkeit liefert und niemals die Realität "an sich" abbildet.

Ihren Platz haben die kunterbunten Darstellungen daher als schöne Illustration all der Wunder, die in kosmischen Weiten und dem Universum im Kopf verborgen liegen. Werden sie aber als wahre Bilder ausgegeben, sind sie reine Desinformationsgrafik.