Morgens, direkt nach dem Aufstehen, setzen wir uns gleich wieder hin: zum Frühstücken, Zeitunglesen oder auch nur, um den Tag zu planen. Und im Büro beginnt dann der Sitzmarathon, im Durchschnitt sind es bis zu sechs Stunden allein am Arbeitsplatz. Und das meist auf einer unschönen Sitzmaschine, mit unzähligen Einstellfunktionen, die kein Mensch zu bedienen weiß.

Dabei könnte der Bürostuhl längst ausgereift sein, immerhin blickt er auf eine Geschichte von mehr als 150 Jahren zurück. 1849 entwarf der Amerikaner Thomas E. Warren das erste Modell: Die Rückenlehne des Centripetal Spring Armchair ließ sich durch eine Blattfeder aus Stahl nach hinten kippen, zudem war der Stuhl in alle Richtungen drehbar und auf vier Rollen recht mobil.

Doch irgendwie wurden Designer mit dem Thema selten warm. Auch wenn es ein paar rühmliche Ausnahmen gab: 1928 entwarfen Le Corbusier und Charlotte Perriand das Fauteuil Pivotant, heute ein Klassiker. Auch Ray und Charles Eames schufen eine Ikone, den Aluminium Chair. Sie verzichteten auf die bis dahin übliche Sitzschale und spannten eine Stoffbahn zwischen zwei Seitenteile. Aber diese formschönen Entwürfe blieben Ausnahmen, in den Büros stehen bis heute meist Produkte der Bürostuhlindustrie, die versuchen, den Nutzer in einer aufrechte Haltung zu zwängen.

Fast jeder kennt die von dem Nervenarzt Heinrich Hoffmann 1844 verfasste Geschichte vom Zappel-Philipp. Der kleine Junge, der zum Stillsitzen verdonnert wurde, war mal mahnendes Beispiel für ganze Generationen. In der Vorstellung, ein guter Stuhl müsse seinen Nutzer zur geraden Haltung erziehen, wirkt die Disziplinierung des Zappel-Philipps bis heute nach.

Außerdem überfordern viele Bürostühle ihren Besitzer mit unzähligen Hebeln und Einstellfunktionen. Damit ein Bürostuhl heutzutage als ergonomisch gelten darf, muss er eine lange Liste von Anforderungen erfüllen: Neben der Einstellung der Sitzhöhe, der Regulierung des Gegendrucks der Rückenlehne muss die Einstellung der Rückenhöhe und der Armlehnen möglich sein, und auch die Sitztiefe muss sich verändern lassen. In Deutschland muss die Stuhlneigung außerdem in der neutralen, also geraden Stellung arretierbar sein, was das dynamische Sitzen natürlich nicht fördert.

Anders machte es die deutsche Firma Wilkhahn. Sie experimentierte schon in den siebziger Jahren mit synchron zueinander verstellbaren Sitzflächen und Rückenlehnen, die zumindest eine zweidimensionale Bewegung, also das Beugen und Strecken des Oberkörpers, förderten. Mit dem FS-Stuhl, benannt nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen seiner beiden Erfinder Klaus Franck und Werner Sauer, rückte 1980 das gesunde Sitzen weiter in den Vordergrund. Außerdem wurde mit dem reduzierten Design des FS-Stuhls zum ersten Mal auf alle unnötigen Verstellfunktionen verzichtet, was auch ästhetisch gesehen ein Fortschritt war.

Aber die Frage bleibt, warum der Bürostuhl von der sonst so großen Gestaltungslust der Designer bis heute weitgehend verschont wird. Es gibt kaum einen Designer, der in seinem Leben nicht mindestens einen Stuhl entworfen hat, aber nur wenige versuchen sich an dem Bürostuhl. Das mag daran liegen, dass die Ansprüche, die mittlerweile an einen Arbeitsstuhl gestellt werden, immer größer werden. "Beim Bürostuhl spielen so viele technische Fragen eine Rolle, dafür braucht es schon einen erfahrenen Industriedesigner", sagt der Direktor des Vitra Design Museums, Mateo Kries. Was dabei herauskommen kann, wenn ein hervorragender Industriedesigner sich dem Thema widmet, zeigte Konstantin Grcic. Er entwarf 2009 den Stuhl 360°, der den Nutzer regelrecht zum dynamischen Sitzen provoziert. Allein die Form dieses Entwurfs, eine Mischung aus Hocker und Stuhl, macht es unmöglich, lange in statischer Haltung auf ihm zu sitzen.

Doch nicht nur die technischen Anforderungen halten Designer vom Experimentieren mit dem Bürostuhl ab. Um die vielen Einzelteile produzieren zu können, bedarf es spezieller Maschinen, und auch die Materialkosten sprengen meist das Budget der Designbüros. Dabei muss ein Stuhl heute nicht mehr alles können. Das Büro entwickelt sich immer mehr zu einem Ort der Kommunikation, an dem man Gedanken austauscht und sich nur für bestimmte Zeiten an den Schreibtisch zurückzieht.

Viel wichtiger, als sich so viele Gedanken darüber zu machen, wie man richtig sitzt, ist es, einen Stuhl zu finden, auf dem man gerne sitzt. Hat man den erst mal entdeckt, gibt man ihn nicht wieder her. Wie schon ihr Vorgänger Gerhard Schröder, sitzt Kanzlerin Angela Merkel seit ihrem Amtsantritt auf dem FS-Modell 220 aus dem Hause Wilkhahn, einer Sesselausführung mit Flachkissenpolsterung und hohem Rücken. Auch Helmut Kohl war ein großer Freund des Stuhls, auf ihm lässt sich fast alles aussitzen.