Steve Jobs würde vermutlich einen seiner legendären Wutausbrüche bekommen, könnte er die nächsten Seiten noch durchblättern (beziehungsweise auf seinem iPad durchswipen). Was zur Hölle machen diese Leute nur aus all dem schönen Softwaredesign?

Die Antwort: Was sie wollen. Wer sich sorgt, dass die digitale Ära uns alle gleichschaltet, darf aus den Bildern auf diesen Seiten wieder etwas Hoffnung schöpfen. Sie zeigen die "Schreibtische" privater Computer – Momentaufnahmen aus dem digitalen Alltag, die uns kreative Leute zugeschickt haben. Diese höchst persönlichen Designs sind deswegen so interessant, weil sie genau an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine entstehen, nebenbei, im Arbeitsalltag. Und so erzählen sie einiges über unser inniges, schwieriges Verhältnis zum Computer.

Die Idee, die Benutzeroberfläche eines Computers "Desktop" zu nennen, stammt aus den siebziger Jahren, marktreif wurde sie Mitte der Achtziger – in einer Zeit also, in der die Menschheit erst noch überzeugt werden musste, dass Computer nicht nur für Behörden und Mondflüge zu gebrauchen waren, sondern tatsächlich alltagstauglich sein könnten. Mit vertrauten Bildern wie "Fenster", "Papierkorb", "Menü", "Ordner", "Maus" und eben dem "Desktop", zu Deutsch Tischplatte, stellten sich die Rechner ein bisschen dümmer, als sie waren, und machten sich damit erst beliebt, dann unersetzlich. Diese Art von Einschmeichlung durch Nachahmung eines überholten Designvorläufers heißt in der Fachsprache Skeuomorphismus – klingt wie eine schreckliche Krankheit und ist tatsächlich in den vergangenen Jahren zum Schimpfwort geworden: Wozu brauchen Dateien eigentlich einen Papier korb? Doch die Schreibtischidee hat sich bis heute gehalten. Und anhand der hier versammelten Desktops sind auch sofort die vertrauten Schreibtischtypen der analogen Welt zu erkennen: Ordnungsfanatiker und Messies, Strategen und Chaoten.

Aber auch ganz neue Typen tauchen auf, Frank Zappa zum Beispiel (oben links), der Retro-Pilot (oben) oder der Minimalist (links), bei dem sogar die Batterie fast völlig leer ist. Auf den folgenden Seiten sind Desktops mit erholsamen Aussichten zu sehen, mit Selbstporträts oder aufmunternden Slogans. Manche widmen ihrem Rechner jede Menge Aufmerksamkeit, andere überlassen ihn dem Wildwuchs. Gegen den Stress, den der Computer auslösen kann, wehrt man sich mit Urlaubsfotos und Witzbildern, die beim Starten und Ausschalten des Rechners auftauchen, oder wenn zwischendurch mal nicht zwei Dutzend Programme, Fenster, Browsertabs geöffnet sind. Die Hintergrundbilder sollen den Computer inspirierender machen, menschlicher, niedlicher. Dass so wenige ihre digitale Tischplatte einfach nur als nüchterne Arbeitsfläche benutzen, zeigt: So ganz geheuer ist uns der Computer noch lange nicht.


Was sich die Gestalter dieser Schreibtische gedacht haben:

NICOLE ZEPTER

Autorin, Chefredakteurin von "The Germans", Berlin

"Auf dem Desktop habe ich seit Jahren einen blassrosa Hintergrund und ein ständig wechselndes Bild – sowie eine wilde Anordnung von Dateien. Blassrosa beruhigt mich. Das Bild zeigt das Geschäft Ladurée in Paris zur Weihnachtszeit. Ich mochte das zarte Grün und hatte vielleicht Reiselust, ich weiß es nicht mehr. Das Bild ist seit Dezember auf meinem Schreibtisch, ich habe noch kein besseres gefunden. Manchmal ändert es sich jedoch täglich. So wie ich mir ständig Textnotizen mache, sammele ich Bilder als visuelle Notiz. Wenn wichtige Deadlines anstehen, schiebe ich alles in einen neuen Ordner, der dann "Aufräumen", "Clean" oder einfach "lalala" heißt. Dann ist alles nur noch blassrosa, und es liegt eine einzige Datei bereit, der ich mich dann ganz widme.

MATHIAS MODICA

DJ, Musiker, Co-Chef des Labels Gomma, München

"Mein Desktop sieht aus wie meine Wohnung (und meine Frisur): unaufgeräumt und chaotisch. Aber es heißt ja: Chaos ist die Quelle jeder Kreativität. Drum habe ich ein ruhiges Gewissen."

TIM RAUE

Sternekoch, Berlin

"Ich schätze den Blick auf all die Sterne in der Galaxie. Ich achte penibel auf Ordnung und arbeite meine E-Mails täglich ab, sortiere die Dateien in die entsprechenden Ordner und habe nur mein Lieblingslied und das Lauf- werk auf dem Schreibtisch abgelegt."

MARTIN ROTH

Leiter des Victoria and Albert Museum, London

"Mein Desktop ist eine bunte Mischung aus allem, was brennt, anliegt, nicht vergessen werden darf, gelesen oder geschrieben werden muss. Das Foto zeigt die Instrumente einer Beaver, das ist ein Wasser- flugzeug aus den frühen fünfziger Jahren, mit dem ich in den letzten Jahren immer mal wieder geflogen bin."