Am Anfang ein Film: Die Kamera fährt an einem Berliner U-Bahn-Steig entlang, als sei sie selbst die U-Bahn, und filmt in langsamer Fahrt lauter erschöpfte, in sich gekehrte, zum Warten Verdammte, die darauf hoffen, dass der große Zug, der vielleicht irgendwann kommt, doch anhält und sie mitnimmt. Auch wenn sie nicht damit rechnen. Der Film spielt in einem stummen, zeitlupenhaften Schwebezustand, in der angehaltenen Sekunde zwischen Leben und Tod. Musik von der bayerischen Popgruppe The Notwist fegt über die Szene hin, als wolle sie die Menschen aufstacheln und vertreiben, um sie zu retten.

Die Regisseurin Jette Steckel, die in dem kleinen Film übrigens selbst zu sehen ist, setzt die U-Bahn-Fahrt an den Anfang ihrer Inszenierung von Jean-Paul Sartres Das Spiel ist aus, vielleicht als Reminiszenz an die Herkunft des Stoffes, denn Les Jeux sont faits ist ein Drehbuch, das der Regisseur Jean Delannoy zur Grundlage seines gleichnamigen Films nahm.

Sartres Drehbuch handelt von einem Liebespaar, Eve, einer Großbürgerlichen, und Pierre, einem Widerstandskämpfer, das sich erst im Jenseits begegnet. Da die beiden füreinander bestimmt waren, erhalten sie eine zweite Chance und dürfen zurück ins Leben – unter der Bedingung, dass sie es keiner dritten Kraft erlauben, sich zwischen sie zu drängen. Natürlich verspielen sie diese Chance.

Es geht in Sartres Jenseits gerecht, aber auch schlimm bürokratisch zu. Wer stirbt, kommt nicht in den Himmel oder die Hölle, sondern bleibt einfach, wo er war, nur dass ihm alle Bürgerrechte und alle Körperschwere genommen sind: Die Toten sind für die Lebenden unsichtbar, sie haben kein Spiegelbild und vermutlich auch keinen Stoffwechsel mehr. Verzweifelt und allwissend, die toten Haare raufend, irren sie zwischen den Lebenden herum, deren Ahnungslosigkeit und Gemeinheit sie nicht fassen: Wie können die Lebenden einander so plumpe Fallen stellen?

Jene Toten, die gerade erst gestorben sind, sind sehr verzweifelt darüber, dass sie den Lebenden nicht helfen können, die alten Toten dagegen folgen dem Schauspiel, das ihnen die Lebenden bieten, mit gespenstischer Belustigung. Das heißt also: Je älter ein Toter ist, desto fröhlicher ist er. Der Film Das Spiel ist aus erschien ein Jahr nach dem Hollywood-Film Ist das Leben nicht schön?, in dem James Stewart als lebendem Toten vorgeführt wird, dass die Welt zuschanden geht, wenn er nicht in ihr lebt, woraufhin er flugs zurückkehrt in seine Existenz. Sartres Figuren erfahren das schiere Gegenteil: Sie lernen, dass die Welt auch dann vor die Hunde geht, wenn sie sich gegen die Katastrophe stemmen. Bei Jimmy Stewart lernen wir, dass es auf jeden Einzelnen und seinen guten Willen ankommt, bei Sartre sehen wir, wie jeder Einzelne an seinen besten Absichten zugrunde geht.

Die Regisseurin Jette Steckel inszeniert Das Spiel ist aus im Deutschen Theater Berlin als Vaudeville-Show, in welcher die Toten die Lebenden studieren. Sie setzt dazu die Zuschauer auf die Bühne des Theaters, während die Schauspieler sich im Parkett aufhalten: Denn die Lebenden handeln zur Unterhaltung der Toten, deshalb müssen sie auf die Bühne.

Dieses Märchenmotiv der ahnungslosen Lebenden, die aus dem Jenseits beobachtet werden und keinen Begriff haben vom Zustand, auf den sie zurasen, prägt den Abend: Steckel inszeniert keine politische Fabel über die Wirkungslosigkeit des bewaffneten Aufstandes, wie sie Sartre im Sinn hatte, sondern ein Theater zwischen Leben und Tod, welches seine Zuschauer mit Kunstschnee bewirft, auf Drehbühnenfahrt mitnimmt und in Wolkengebirgen aussetzt, durch die der vermutlich göttliche Blick einen großartigen Tunnel bohrt – lauter erhabene Momente.

Dass Pierre und Eve aber zusammenpassen würden, wenn sie ein Liebespaar sein dürften, ist zweifelhaft: Der Aufständische Pierre baumelt nämlich, in Ole Lagerpuschs Darstellung, an einem sehr kurzen Geduldsfaden, ein Mac mit jenem prahlerisch tänzelnden Gang, den einer hat, wenn er beim Laufen die Hände in den Taschen der kurzen Schlägerjacke behält. Die großbürgerliche Eve hingegen ist bei Judith Hofmann eine Dame, die auch als Tote Haltung bewahrt: als sei sie bloß ohne Koffer, im Morgenrock, im falschen Kurort gestrandet. Diese beiden verbindet nichts, nur der gemeinsame Tod. Das Spiel ist aus ist wunderschön anzusehen, aber es ist eher eine Wolkenschieberei als ein Drama: Man glaubt diesen Toten nicht, dass sie ein Leben hatten. Es war wohl doch nur ein Film.