DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, fühlt Polen sich von Russland bedroht?

Donald Tusk: Für uns hat das, was in der Ukraine vor sich geht, zwei wichtige Dimensionen. Zum einen handelt es sich um einen Konflikt, der so ernst zu nehmen ist wie kein anderer in Europa nach dem Ende des Kalten Krieges. Die Krim wurde annektiert, an der russisch-ukrainischen Grenze stehen Truppen. Die geopolitische Lage hat sich deutlich verändert. Daher wachsen die Ängste an der östlichen Flanke der EU. Hinzu kommen neue Erfahrungen der EU mit Russland. Wir haben also ein Recht, beunruhigt zu sein.

ZEIT: Und die zweite Dimension?

Tusk: Diese Krise definiert die Europäische Union neu. Sie verändert die Rolle der europäischen Institutionen und die Rolle der Schlüsselstaaten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Für uns Polen ist diese europäische Dimension genauso wichtig wie die Frage nach den künftigen Grenzen der Ukraine. Gibt es eine echte europäische Gemeinschaft, oder bleibt es bloß bei Absichtserklärungen?

ZEIT: Und, gibt es die Gemeinschaft?

Tusk: Wir werden gerade Zeuge eines historischen Moments: Führt der Konflikt um die Ukraine dazu, dass wir in der EU unsere gemeinsamen außenpolitischen Anstrengungen verstärken? Oder gestaltet jedes Land seine Politik gegenüber Russland für sich, bilateral? Das wäre im Sinne Moskaus.

ZEIT:Wladimir Putin versucht, Europa zu spalten?

Tusk: Russland geht seit Jahren so vor. Entscheidend ist, ob wir – die Mitgliedsländer der EU – dieser Versuchung erliegen. Dabei spielt Deutschland eine zentrale Rolle.

ZEIT: Inwiefern?

Tusk: Zum ersten Mal seit der Zeit von Helmut Kohl wird die Haltung Deutschlands zur europäischen Integration auf eine harte Probe gestellt. Es geht um die Frage, inwieweit die Politik Vorrang vor der Wirtschaft hat. Ich denke hier an eine wahre politische Führung, die Europa heute mehr braucht als je zuvor. Eine solche Führung bedeutet aber, Verantwortung für die Gesamtheit auf sich zu nehmen, sich also durch das Wohl der ganzen Gemeinschaft leiten zu lassen, nicht durch das Eigeninteresse. Dies betrifft insbesondere Deutschland.

ZEIT: Deutschland tut sich mit dem Führen schwer ...

Tusk:(lacht) ... wie wäre es, wenn wir von Leitung sprechen statt von Führung?

ZEIT: Ausgerechnet im Konflikt mit Russland braucht Europa mehr deutsche Führung?

Tusk: Europa ist sicherer, wenn Deutschland mehr auf gemeinschaftliche Interessen setzt als auf bilaterale Beziehungen. Die deutsch-russischen Beziehungen dürfen nicht wichtiger sein als die gemeinsamen europäischen Interessen. Wir dürfen nicht zu einer klassischen nationalen Politik zurückkehren. Das ist eben das Besondere an der Europäischen Union und am Frieden in Europa, dass wir im Sinne einer Gemeinschaft denken.

ZEIT: Gibt es in Deutschland zu viel Verständnis für Russland?

Tusk: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bislang sehr viele Anstrengungen unternommen, um eine gute Lösung zu finden. Die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Russland sind eine Selbstverständlichkeit. Und ich sehe ein, dass es notwendig ist, diese Beziehungen fortzusetzen. Doch es ist etwas passiert in Europa in den letzten Wochen, und wir können nicht so weitermachen wie bisher.