So gleicht dieser lyrische Zyklus einem Rätselspiel, einer Schnitzeljagd, und der Leser wandelt auf Grünbeins Spuren, fliegt ihm hinterher, schlägt bei Wikipedia nach, blättert in Lexika, studiert Mondkarten und betrachtet zum Beispiel Adam Elsheimers Gemälde Die Flucht nach Ägypten (1609), auf dem sich der Vollmond nachthell im Wasser spiegelt: "Der Mond stand kopf in jener numinosen Nacht / Mit Joseph und Maria auf der Flucht. Auch sah / Ägypten aus wie ein Stück deutscher Wald. / Im Erdkern Sturm – und doch fand alles Halt: / Die Hirten um das Feuer und im See der Mond ... "

Ein anderes Gedicht betitelt er Oresme , nach einem Krater auf der Rückseite des Mondes, der nach dem Bischof und Naturwissenschaftler Nikolaus von Oresme benannt wurde. Doch nicht von ihm erzählt das Gedicht, sondern vom Meister des Madrigals, von Gesualdo: "Und einer sammelte die Stimmen in der Nacht / Auf seinem Schloß – die sublunarischen Dämonen." "Sublunarisch" ist ein schöneres Wort für Gesualdos Musik als "überirdisch".

Obwohl sich der alte Mondzauber nicht mehr einstellen will – der Dichter bleibt dem Mond gewogen und schreibt am Ende: "Was ist der Mond? Der treue Hund der Erde, / Faktotum, Außenspiegel, schwankender Geselle, / In seiner Kahlheit eine wandelnde Beschwerde. / Ein Gong auch, lautlos, korrodierte Narrenschelle, / Ins All gehängt von dem Maestro allen Schwebens."

Die 84 Gedichte sind aphoristische Mini-Essays und philosophische Reflexionen, poetische Flugmanöver und abenteuerliche Exkursionen. Ganz und gar leichtfüßig sind sie. Souverän spielt Grünbein mit der von Dante erfundenen Form der Terzine, lockt mit Endreimen, mit Binnenreimen und Assonanzen, bleibt aber ganz frei und heiter, evoziert den Hallraum der Tradition und denkt, spricht sie fort. Der aparteste Reim, der ihm hier gelungen ist, lautet: "Fern von Ägypten, allerorts, wo nun in drinks / Der Tag sich löste und die Nacht zerrann, / Sah er den Mond, vergaß den Flugsand um die Sphinx."

Neoromantische Nostalgie also liegt Durs Grünbein fern, dem wahrscheinlich sprachfähigsten, kenntnisreichsten und am meisten gebildeten Poeten unseres Sprachraums. Ebendies, dass er an die Tradition anknüpft und mit ihr umgeht, als wäre sie nie erloschen, macht ihn manchen Kritikern verdächtig. Sie mögen es nicht, wenn jemand mehr weiß als sie, und der Begriff bildungsbürgerlich ist ihnen ein Schimpfwort.

Das Gedicht bietet Raum für sehr vieles. Nicht allein das zagende Ich hat darin Platz, sondern auch das denkende und forschende. Wer Bildungsreisen nicht verachtet, sollte sich Grünbein anvertrauen, und diese hier ist äußerst erhellend, preiswert außerdem.