Guido und Odalys sind kein gewöhnliches Paar, schon äußerlich nicht. Er, 76, hager, faltiges Gesicht, gebückte Haltung, langsamer Gang, steckt in zu großen Kleidern. Sie, 52, rundlich, mit wachen Augen, lebhaft gestikulierend, ist modisch gewandt. Aber Guido Cavegn und Odalys Iglesias, das sieht man sofort, mögen sich: Er lächelt, zupft sein Hemd zurecht und himmelt sie an, sie schüttelt ihre langen braunen Haare und tätschelt liebevoll seine Hand.

Trotzdem ist für die Schweizer Behörden klar: Die beiden führen eine Scheinehe.

Die vife Kubanerin, da sind sich die Beamten sicher, hat sich den alten Bergbauer nur geangelt, um sich eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung zu erschleichen. Und der gesundheitlich angeschlagene Mann habe mit der Heirat das "Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer" umgehen wollen. Es besteht der Verdacht auf Rechtsmissbrauch.

Die Ehe von Guido und Odalys ist darum keine Privatsache, sondern beschäftigt die Behörden seit bald neun Jahren, also eigentlich seit dem Tag im Sommer 2005, an dem sich das Paar das Jawort gegeben hat. Involviert sind Polizeibeamte, Sekretärinnen und Protokollführer, allen voran das Amt für Migration und Zivilrecht des Kantons Graubünden und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement. Auf Trab hält der Fall auch einen Zuger Rechtsanwalt, der dem Liebespaar zu dem in der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) garantierten "Recht auf Schutz des Familienlebens" verhelfen will.

Steht in der Schweiz eine Heirat unter Scheinehe-Verdacht, drohen löchernde Beamtenfragen:

Wie haben Sie sich kennengelernt? Wer waren Ihre Trauzeugen? Stehen Sie noch in Kontakt zu ihnen? Tragen Sie Eheringe? Wo wurden diese gekauft? Sind sie graviert? Besitzt Ihre Ehefrau einen Schlüssel für die Wohnung? Wie heißen die Kollegin Ihrer Ehefrau und deren Ehemann? Was macht die Cousine Ihrer Ehefrau beruflich? Unterhalten Sie zu Ihrer Ehefrau eine intime Beziehung? Wann hatten Sie zuletzt sexuellen Kontakt miteinander? Wie viel Einkommen hat Ihr Ehepartner? Bezahlt Ihre Ehepartnerin ihre Rechnungen selbst?

"Man hält mich für eine Lügnerin", sagt Odalys Iglesias

Auch Odalys und Guido mussten vor den Behörden aussagen. Sie sind beide kooperativ, antworten nach besten Wissen und Gewissen. Vom Recht auf Auskunftsverweigerung machen sie keinen Gebrauch. Sie haben ja nichts zu verstecken. Während Odalys die mehrstündigen Einvernahmen mühelos bewältigt und sich selbst an länger zurückliegende Ereignisse gut erinnert, ist ihr Mann manchmal überfordert. Er ist aufgeregt, kommt emotional und sprachlich an seine Grenzen. Wird er auf Rumantsch oder Italienisch befragt, seinen Muttersprachen, geht es besser. Sprechen die Beamten nur Deutsch, hat er Mühe, ihnen zu folgen.

Guido ist als Bauernsohn in Rueras geboren und aufgewachsen, hat dort die obligatorischen Schulen besucht und den Bergort kaum je verlassen. Er hat immer gearbeitet, im elterlichen Kleinbetrieb, als Hilfsarbeiter auf dem Bau oder als Handlanger im Tourismus, wo er den Skifahrern den Bügel für die Fahrt nach oben reichte. In jungen Jahren hätte er gerne geheiratet und eine Familie gegründet. Doch es wollte einfach nicht klappen. So blieb er ein unabhängiger Single; bescheiden im Lebensstil, zufrieden mit dem, was er hatte.

Seine Ehefrau Odalys, geboren in der Metropole Havanna, hat ihre Kindheit zusammen mit fünf Geschwistern in einem großen Haus verbracht. Später studierte sie Buchhaltung und arbeitete mal als Sekretärin, mal als Kleiderverkäuferin, mal als Putzfrau. Ihre beiden Töchter, sie sind heute längst erwachsen, zog die Kubanerin als ledige Mutter auf. Was ihr fehlte: ein Partner, der es ernst mit ihr meint.

Als Odalys im Sommer 2004 mit einem Touristenvisum ihre Cousine in der Schweiz besucht, gibt sie spontan im Klatschheftli Glückspost eine Annonce auf. "Kubanische Frau sucht seriösen Mann zwischen 55 und 65." "Warum nicht?", denkt sich Guido, der das Heft eines Abends in der Hand hält und sich ohne große Hoffnung auf die Anzeige meldet.

Wenige Wochen später: das erste Rendezvous im Restaurant Cresta in Rueras. Ein gutbürgerlicher Gasthof, mit Geranien auf dem Balkon und Kuhglocken im Speisesaal. Man trinkt Tee, verständigt sich auf Italienisch, mit Händen und Füßen, tauscht zaghafte Freundlichkeiten und Telefonnummern aus – und beschließt, sich wiederzusehen.

Liebe auf den ersten Blick? Nein, das sei es nicht gewesen, sind sich die beiden einig. Die Zuneigung wuchs Schritt für Schritt.

Odalys wohnt in dieser Zeit in Zürich bei ihrer Cousine und fährt regelmäßig mit dem Zug ins Bündnerland. Gemeinsam unternimmt das Pärchen Spaziergänge oder geht mit dem alten Jeep auf Spritztour. Guido zeigt seiner Freundin die schönsten Seiten seiner Heimat, schenkt ihr Blumen. Hin und wieder begleitet Odalys ihren Freund in die Berge, wo er eine große Schar von Ziegen hütet. Zu Hause bekocht sie ihn mit kubanischem Essen.

Im Dorf wird über das verliebte Paar geredet: Endlich, heißt es, hat der alte Cavegn eine liebe Frau gefunden.