ZEIT: Was ist mit größeren Risiken verbunden, die Energiewende oder der Betrieb von Atomkraftwerken?

Reimelt: Mit der Energiewende sind fast nur Chancen verbunden – allerdings auch ein Risiko: dass wir die Gesellschaft verlieren. Die Debatte über die Energiewende ist zu einer Kostendebatte verkommen.

ZEIT: Zu Recht?

Reimelt: Wenn sich die Politik wegen der Energiewende feiern lässt, aber die Rechnung andere zahlen müssen, dann stellen die irgendwann einmal die Frage, wann denn der Strom endlich sauber, flexibel und wettbewerbsfähig wird. Für viele Bürger ist das heute ein Thema. Sie wollen wissen, wann sie von der Energiewende profitieren. Wenn ihnen das nicht bald jemand sagt, schwindet die Akzeptanz.

ZEIT: Sie sind noch die Antwort auf die Frage schuldig, ob Atomkraft oder die Energiewende größere Risiken birgt. Einige der in Fukushima havarierten Meiler waren Produkte von GE. Was hat die Katastrophe mit dem Konzern gemacht?

Reimelt: In Deutschland ist der Bau von Nuklearanlagen längst kein Thema mehr, im Gegenteil, wir beschäftigen uns mit Technologien zum Rückbau von Kernkraftwerken. Weltweit sind wir aus dem Geschäft mit Kernkraftwerken zwar nicht ausgestiegen, aber die Sparte spielt im Unternehmen keine große Rolle mehr.

ZEIT: Haben Sie mal einen Blackout erlebt?

Reimelt: Nein, noch nicht.

ZEIT: Was wäre, wenn sich in Deutschland ein größerer Blackout ereignen würde? Wäre die Energiewende am Ende?

Reimelt: Das würde auf jeden Fall sehr viele Fragen aufwerfen. Mehrere Tage lang ohne Strom, das hätte verheerende Auswirkungen.

ZEIT: E.on hat angekündigt, das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld nicht erst Ende nächsten Jahres, sondern bereits im Frühjahr 2015 abzustellen. Wächst jetzt die Gefahr eines Blackouts?

Reimelt: Nicht unbedingt. Dass die Abschaltung von Grafenrheinfeld Probleme bereiten könnte, haben wir kommen sehen. Zusammen mit Partnern haben wir einen Plan entwickelt, in unmittelbarer Nähe ein sehr flexibles Reserve-Gaskraftwerk zu errichten. Es lässt sich schnell hoch- und wieder herunterfahren. Der Plan für den Bau liegt fix und fertig in der Schublade. Mit den zuständigen Stellen sind wir im Gespräch.

ZEIT: "Nichts wird so bleiben, wie es ist" – so haben Sie einmal die Wirkung der Energiewende beschrieben. Was meinen Sie damit?

Reimelt: Es gibt technologische Trends, die nicht aufzuhalten sind. Der Megatrend in der Energiewirtschaft ist der Trend zur Dezentralität. Das wird die Welt der Energie komplett verändern.

ZEIT: Für den Verbraucher ist am Ende nur wichtig, dass der Strom bezahlbar ist.

Reimelt: Das ist mir zu einfach. Der deutsche Verbraucher möchte sauberen Strom. Dafür ist er bereit, etwas mehr Geld auszugeben. Die unzähligen Fördermechanismen, die es heute gibt, versteht er nicht.

ZEIT: Vermutlich versteht er auch nicht wirklich, wie die Versorgung sicher bleiben kann, wenn in Zukunft immer mehr Kraftwerke nur bei Wind und bei Sonnenschein Strom erzeugen.

Reimelt: Ich verstehe die Sorge. Aber das Problem ist gelöst, jedenfalls technisch. Wir sind heute in der Lage, Versorgungssicherheit auch bei einem sehr hohen Anteil von Photovoltaik und Windenergie zu gewährleisten.