ZEIT: Hunderttausende Photovoltaikanlagen in der Hand von Bürgern sind kein Problem?

Reimelt: Zunächst einmal sind die vielen dezentralen Anlagen ein Indiz dafür, dass die Bürger bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich habe sogar den Eindruck, dass viele Menschen sich gern selbst mit Strom versorgen möchten – so, wie viele Deutsche in Schrebergärten gern ihre eigenen Tomaten züchten. Wir werden eine sehr ähnliche Entwicklung im Energiebereich sehen.

ZEIT: Erzeugen Sie selbst auch Strom?

Reimelt: Ich habe eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Ich glaube, der Trend zur Dezentralität wird weitergehen, selbst wenn die Subventionen für die Solaranlagen sinken. Das Problem ist, dass die kommunalen und regionalen Netze noch nicht darauf ausgelegt sind, große Mengen fluktuierenden Stroms aus vielen verschiedenen Quellen aufzunehmen. Deshalb muss jetzt massiv in die Verteilnetze investiert werden.

ZEIT: Was bedeutet es, das Verteilnetz fit für die Energiewende zu machen?

Reimelt: Bisher gibt es Millionen Stromverbraucher. In Zukunft wird es auch sehr viele Stromerzeuger geben. Diese Komplexität muss gesteuert werden. Zum Beispiel müssen wir die fossile Stromerzeugung mit der erneuerbaren Stromerzeugung synchronisieren. Wir müssen aber auch die Stromnachfrage mit dem Stromangebot synchronisieren. Für all das braucht man sehr viele Daten. An einer normalen Kraftwerksturbine entstehen an einem einzigen Tag 580 Gigabyte Daten; das ist siebenmal so viel, wie Twitter über Text-Tweets am Tag weltweit erzeugt. Da reden wir nicht mehr nur über die Menge der erzeugten Stroms. Zu wissen, wann jemand wie viel Strom nachfragt und inwieweit er bereit ist, diese Nachfrage zu verschieben, wird zunehmend wichtiger. Um diese Informationen sammeln und verwerten zu können, benötigen wir Mess- und Steuereinrichtungen. Dann können die Verteilnetze trotz der komplexeren Entnahme- und Einspeisevorgänge weiterhin sicher ausbalanciert werden.

ZEIT: Wenn mal eine Woche der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint, dann nützen all die Daten nichts. Dann gibt es keinen Strom.

Reimelt: Noch haben wir ja den konventionellen Kraftwerkspark. Aber Sie haben recht: Mittelfristig müssen wir die erneuerbaren Energien speicherbar machen, damit wir auch dann Strom haben, wenn Flaute herrscht.

ZEIT: Die meisten Kosten der Energiewende resultieren aus Altlasten, aus Subventionszusagen früherer Jahre. Die Kosten, die neue Wind- oder Solaranlagen verursachen, sind dagegen fast zu vernachlässigen. Was halten Sie von der Idee, diese Altlasten nicht mehr vom Stromverbraucher stemmen zu lassen?

Reimelt: Einen Teil der EEG-Umlage in Form von Steuern oder über einen Fonds zu finanzieren wäre zu erwägen. Es würde die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähiger machen, und die Verbraucher würden merken, wozu die Energiewende gut ist. Allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass solche Lösungen schnell zu einem gigantischen Verschiebebahnhof zulasten künftiger Generationen werden können.

ZEIT: Wird Strom in absehbarer Zeit bezahlt wie die Telefonrechnung?

Reimelt: Es wird neue Geschäftsmodelle geben. Auch eine Flatrate für Strom ist denkbar.