Der König der Türkei steht nachts auf dem Balkon seines Schlosses, umringt von seiner Königin und seinen Kindern. Er winkt Tausenden Untertanen zu, die gekommen sind, um seinen Sieg zu feiern. Immer wieder führt er die rechte Hand an sein Herz. Ein Ausrufer kündigt ihn an: "Er ist die lauteste Stimme der Schwachen auf der Welt! Der Führer, der keinen anderen Herrn kennt als das Volk!" Im Hintergrund läuft ein Lied, geschrieben zu seinen Ehren.

Der Mann des Volkes,

Die Liebe des Volkes,

Die Hoffnung für Millionen!

Er ist der Vertraute der Schwachen,

Der Gefährte der Armen,

Recep Tayyip Erdoğan!

Es ist kalt, zu kalt für Ende März. Ein Untertan kommt und legt ihm einen Mantel um die Schultern. Er spricht sanft: "Mein liebes Volk."

"Mein". Willkommen im Königreich Türkei.

Die Szene spielt sich in der Nacht zum Montag nach den türkischen Kommunalwahlen ab, vor der Parteizentrale der Regierungspartei AKP in Ankara. Erdoğan hat die Wahlen klar gewonnen, mit mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen 2009: Waren es damals noch 38,8 Prozent, holte seine Partei dieses Mal 45,6 Prozent der Stimmen. Darunter auch Istanbul mit 48 Prozent, auch dies eine Steigerung.

Es heißt, wer Istanbul regiert, der regiert die Türkei. Dieses Jahr wird ein neuer Staatspräsident gewählt, nächstes Jahr steht die Parlamentswahl an. Erdoğan ist seit elf Jahren Regierungschef. Eine viertes Mal darf er nicht antreten. Doch von der Macht will er nicht lassen – er möchte daher Staatspräsident werden.

Der Regierungschef bringt Fernsehen und Justiz per Telefon auf seine Linie

Bei diesen Kommunalwahlen, ging es in Wirklichkeit also nicht nur um Bürgermeister, Stadtparlamente und Gemeindevorsteher. Der Ausgang der Wahlen war ein Test dafür, ob die Korruptionsaffäre der vergangenen Monate, in die Mitglieder der Regierung, Söhne von Ministern, AKP-Kommunalpolitiker und der Chef einer Staatsbank verwickelt sein sollen, dem Premierminister geschadet haben. Es war viel zutage gekommen in den letzten Wochen. Da wurden Mitschnitte von Telefongesprächen öffentlich gemacht, in denen zu hören ist, wie Erdoğan bei einem Fernsehsender anruft, um sich über Berichte zu beschweren; oder beim Justizminister, um sich über den Verlauf eines Prozesses gegen einen ihm missliebigen Geschäftsmann zu beklagen. In einem weiteren Clip hört man angeblich Erdoğan und seinen Sohn Bilal, wie sie darüber beraten, Geld beiseitezuschaffen. Zuletzt wurde die Aufnahme eines Gesprächs zwischen Außenminister Ahmet Davutoğlu, dem Geheimdienstchef, dem stellvertretenden Stabschef und einem Staatssekretär veröffentlicht. Die Männer reden über mögliche Szenarien, wie die Türkei in den Syrienkonflikt eingreifen kann. Es geht darum, Boden gegen Baschar al-Assad gutzumachen, dessen Krieg gegen die Aufständischen das Nachbarland Türkei schwer belastet. Ein Beteiligter – angeblich der Geheimdienstchef – schlägt vor: Er könne vier seiner Männer über die syrische Grenze schicken, damit sie von dort acht Granaten auf türkisches Gebiet abfeuern – schon hat man einen legitimen Grund, um Truppen zu mobilisieren.

Millionen hörten sich diese Mitschnitte an, die über Twitter und YouTube verbreitet wurden. Nun sind Twitter und YouTube auf Druck der Regierung geblockt.

Und die Türken stimmten auch über die brutale Niederschlagung der Gezi-Proteste im vergangenen Sommer ab. Nehmen sie Erdoğan seine harte Reaktion gegenüber den Demonstranten übel, sein Verächtlichmachen all jener Türken, die anders sind als seine Anhänger?

So wurden diese Kommunalwahlen ein Plebiszit über Tayyip Erdoğan. Der Premierminister hat das so gewollt. Er hat den Wahlkampf selbst darauf zugespitzt. Die Bürgermeisterkandidaten waren unwichtig. Sie verschwanden hinter seiner Tournee, die ihn quer durch das Land führte. Er hat die ganze Türkei bereist, kein Weg war ihm zu weit, und er hielt so viele Reden, dass ihm zuletzt die Stimme versagte.