Markus Lanz kann schon mal drauf wetten: Über diesen Film werden die Verächter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kübelweise Spott ausgießen. Da steht die ARD schwer unter Beschuss, weil sie ihr Publikum wie geistig Minderbemittelte behandelt – und was macht sie? Sie bittet einen der besten Regisseure der Republik, einen Film über die Geschichte des Fernsehens zu drehen. Dominik Graf sagt zu, das Werk wird pünktlich zum 50. Geburtstag des Grimme-Preises fertig, und alle reiben sich die Hände. "Wir leisten uns sogar den Dominik", hört man die Intendanten in ihrem pflegeleichten Anstaltsdeutsch jubeln. "Wir sind supergut, superfrech und superkritisch."

Keine Frage, so wird es kommen, aber dem Film von Dominik Graf und Martin Farkas kann das egal sein, denn Es werde Stadt! ist Kunst, es ist ein kleines Meisterwerk des dokumentarischen Genres – souverän und angreifbar, melancholisch, witzig und erfüllt von einer verzweifelten Liebe. Graf und Farkas sind so vernarrt ins Fernsehen, dass sie das Objekt ihres Begehrens am Ende in die Luft sprengen. Die öffentlich-rechtlichen Sender krachen in sich zusammen, und vom Anstaltsbeton bleibt nur ein Haufen Schutt.

Bis dahin, und darauf muss man erst einmal kommen, erzählt der Film die Geschichte des Fernsehens als Geschichte der Retortenstadt Marl und die Geschichte von Marl als Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Der Rest besteht aus einer einzigen Frage: Warum war das Fernsehen früher so aufregend? Und warum ist es heute so mutlos wie eine Reihenhaussiedlung mit Grünkomponente? "Was haben wir das Fernsehen einst geliebt!"

Um tief enttäuscht zu sein, muss man einmal groß geträumt haben. Graf und Farkas befragen die Fernsehverliebten von damals, sie lassen sie schwärmen von der Aura des TV-Altars, an dem die Heilige Familie der profanen BRD ihr mediales Pontifikalamt feierte. Die Befragten bekommen glänzende Augen und lassen die Traumgestalten ihrer Kindheitsfantasie noch einmal auftreten, das sprechende Pferd Mister Ed, Pippi Langstrumpf und Graf Zahl aus der Sesamstraße. "Dieses Rauschen aus dem Äther ..." – es kam angeflogen aus den Wolken und wurde von Papas Hausantenne persönlich aufgefangen.

Alles nostalgisch verzuckerte Kindheitsträume? Nicht nur. Das Medium war tatsächlich ein Versprechen, es gab den Geist des Neuen und des Aufbruchs, und in der Stadt Marl wurde dieser Aufbruch in Beton gegossen. Marl hatte 100.000 Einwohner, zwei florierende Zechen und ein großes Chemiewerk. Die Stadt war das "Brasília der BRD", doch wer nicht aufpasste, fuhr dran vorbei und landete in einem niederländischen Tulpenfeld. Hans Scharoun baute eine berühmte Schule, das Rathaus sah aus wie die Mondbasis Alpha 1. Marl hatte die modernste Volkshochschule der Republik, genannt "die Insel". Und es hatte den Grimme-Preis.

Kein Zweifel, diesem Anfang wohnt ein Zauber inne. Die Stadt verwirklicht den Traum der guten Gesellschaft – neuer Mensch, neue Architektur, neues Fernsehen. Die Marler Commune tut nicht nur so, sie glaubt wirklich an Bildung, sie glaubt an Fortschritt und Zukunft, an die helle, mit sich versöhnte Moderne, in der das Populäre mit dem Experimentellen Hand in Hand geht und alle Menschen Brüder sind.

Bevor es kitschig wird: Die himmelblaue Diskursidylle ist natürlich zu schön, um wahr zu sein. Marl macht die Rechnung ohne den Wirt, der kulturelle Geist hatte buchstäblich seinen materiellen Untergrund vergessen. Ohne Kohle, und das ist eine fantastische Metapher, gibt es keine "Kohle" für die Kultur. Und so kommt es auch. Das große Zechensterben setzt ein, und nach und nach versiegen die Quellen, aus denen Marls Reichtum geflossen war. Das Ruhrgebiet kämpft einen verzweifelten Todeskampf, Bergleute besetzen Brücken, und man traut seinen Augen nicht: Die ARD ändert ihr Programm und sendet aus Solidarität mit den Bergleuten und Stahlkochern Viscontis Die Verdammten, einen Film über die Krupp-Dynastie. Heute käme gewiss Herr Jauch vorbei, und Herr Jauch würde sein gebührenpflichtiges Ich-bin-besorgt-Gesicht aufsetzen und den Streikführer ganz lieb in seine Sendung einladen: Wer wird Millionär?

Der Niedergang des Ruhrgebiets markiert eine Zeitenwende, und nur eine Revolution kann den Pott noch retten. Mit einer unglaublichen Kraftanstrengung wird das Revier umgebaut und ins digitale Zeitalter katapultiert: Die Bürger schütteln sich den Kohlestaub aus den Kleidern und stampfen eine neue, eine immaterielle Industrie aus dem Boden. Riesige Medienparks entstehen, Medienfirmen, Medienzentren, Medienhochschulen, Filmerlebnisparks und Filmstiftungen. Das ist in den achtziger Jahren, also in der Zeit, als der postmoderne Medienphilosoph geboren wurde und von seiner Kanzel, der Medienphilosophenprofessur, das visuelle Zeitalter verkündete, das "Ende des Realen" und der Aufklärung sowieso. Wolfgang Clement (SPD), der die Strukturrevolution kommandiert, rast im Auto durch sein Revier und sagt, man müsse hier "immer an Platz eins denken". Er hat’s geschafft, nun ist das Medium selbst die Botschaft. Das erste Werk, das man in den neuen Ruhr-Studios produziert, ist ein Science-Fiction-Film.