DIE ZEIT: Sie bringen internationalen Studenten an der Uni Göttingen das Fahrradfahren bei. Warum machen Sie das?

Patrick Lajoie: Im vergangenen Jahr erzählte mir ein chinesischer Student, dass seine neuen Freunde hier ihn zu einem Ausflug eingeladen hatten. Es war Sommer, sie wollten im Baggersee schwimmen. Doch der liegt einige Kilometer außerhalb der Stadt, ohne Rad kommt man da kaum hin. Er konnte aber nicht Fahrrad fahren, also hat er abgesagt. Es war nicht das erste Mal, dass internationale Studenten mir erzählten, sie fühlten sich abgehängt, weil sie nicht so mobil sind.

ZEIT: Können die Studenten nicht einfach mit dem Bus fahren? Es gibt schließlich ein Semesterticket.

Lajoie: Das gibt es hier in Göttingen erst ab dem kommenden Wintersemester. Zurzeit müssen Studenten für jede Busfahrt zahlen, ein Ticket kostet 2,10 Euro. Außerdem geht es auch darum, dazuzugehören. Eine Teilnehmerin aus meinem Kurs hat mir erzählt, sie müsse bislang nach Partys immer zu Fuß nach Hause laufen, während alle Freunde mit dem Rad führen. Das nervt sie. Radfahren lernen ist also Teil der Integration.

ZEIT: Wie groß ist das Interesse an dem Kurs?

Lajoie: Sehr groß, wir hatten 16 Anmeldungen, aber nur zehn Plätze. Es haben sich fast nur Frauen angemeldet, hauptsächlich aus asiatischen Ländern.

ZEIT: Keine von ihnen konnte Rad fahren?

Lajoie: Nein, einige durften es zu Hause nicht lernen. Ihre Eltern meinten, die Jungen könnten doch Fahrrad fahren, das reiche aus. Oder aber: Radfahren in der Stadt sei viel zu gefährlich, sie sollten das lieber lassen. Bei anderen lag es einfach am Geld.

ZEIT: Wer bringt ihnen jetzt das Fahren bei?

Lajoie: Wir haben zwei Trainer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs engagiert. Die Kurse dauern zwei Wochenenden, insgesamt 15 Stunden. Wir haben einen Platz gestellt bekommen, auf dem sonst Skater fahren. Der ist ruhig gelegen und flach. Trotzdem fällt es vielen anfangs nicht leicht, die Balance zu halten.

ZEIT: Wie schwer ist es denn für Erwachsene, Radfahren zu lernen?

Lajoie: Deutlich schwerer als für Kinder. Man steigt nicht mehr unbeschwert aufs Fahrrad, sondern hat Angst zu stürzen. Einige Teilnehmerinnen hatten schon vorher versucht, sich selbst Radfahren beizubringen, und sind häufig hingefallen. Bei denen musste erst einmal eine Blockade gelöst werden, damit sie sich wieder auf den Sattel trauen.