Ein Café in Potsdam, einer von 34 Städten, in denen er mit seiner Liveshow Station macht. Er kann ganz viel in ganz kurzer Zeit sagen, und da ist dann sehr viel Helles, Lustiges, grandios Gescheites dabei. Jan Böhmermann, 34, der Quatschkopf, Ironiker, "Harald Schmidt der Facebook-Generation" (uff), die Hoffnung, dass die gute Fernsehunterhaltung sich in Spartenkanälen versteckt. Seine TV-Show Neo Magazin wurde gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Sein Problem ist, dass ihm pro Sendung zu viele Witze einfallen, er hat so gar nichts von der Samstagabend-Gemütlichkeit eines Jörg Pilawa – deshalb wollen ihn die großen Sender noch nicht im Hauptprogramm haben. Die schmalen Schultern, dünnen Arme. Rührei mit Bacon. Wann hat er zum letzten Mal richtig lachen müssen?

Gestern auf der Bühne, beim Delfintherapie-Gag, ein zuverlässiger Ankommer: Der Ansatz ist, dass Behinderte zu depressiven Delfinen ins Wasserbecken müssen. Und wann musste er zum letzten Mal beim Fernsehgucken laut lachen? "Beim Fernsehgucken?" Er reibt sich die Augen, den Bart. Seine Hände bedecken sein Gesicht. Er hat nun schon seit fünf Sekunden nichts geantwortet. "Mir fällt nichts ein." Ist die Politik als Stoff für eine Fernsehshow zu gebrauchen, oder ist die ein Flop? "Die moderne Politik ist sich ihres eigenen Entertainment-Faktors immer schon so bewusst. Das wird bestenfalls Kabarett."

Er guckt aus dem Fenster: "Da wird gerade ein Kind von einem Auto überfahren. Nein. Ist doch gut gegangen." Ein Adrenalinschub für unser gemütliches Frühstück hier: Unterhaltungsprofi Jan Böhmermann. Berühmt sind seine Gesangsauftritte, zum Beispiel im Fernseh-Einspieler Beate Zschäpe – Das Musical. Sieht er sich eigentlich als Sänger, als so eine Art Freddie Mercury? "Ich bin so eine Art Ina Müller."

Wäre das für seine Karriere gut, wenn er unkomischere, also müdere Witze machen würde? "Das klingt verlockend: Aber die Abgeschlafftheit will einfach nicht kommen. Ich bin zu jugendlich, zu naiv." Er weigert sich gekonnt, die für seinen Humor entscheidende Frage zu diskutieren, ob eine Fernsehshow zu dicht, energetisch, überspannt sein kann. Das Fernsehen sei ein gemütliches Medium, im Internet dagegen müsse die Schlagzahl hoch sein: "Der Zuschauer ist schneller auf YouPorn, als dir lieb ist." Und dann erklärt der Showmaster, wie man schon an den Sitzmöbeln das unterschiedliche Tempo von Fernsehen und Internet erkenne: Fernsehen rezipiere man auf dem Sofa, in halb liegender Position, das Internet bediene man aufrecht sitzend und könne so viel schneller reagieren.

Das Rührei hat er in typischer Junge-Männer-Manier blitzschnell weggefuttert. 1998 rief der Popautor Christian Kracht das Ende der Ironie aus. Und? Empfindet er die Ironie als Hölle? Im Gegenteil, Deutschland habe in Sachen Ironie Nachholbedarf. "Mit dem Enthusiasmus eines Entwicklungshelfers versuche ich, die Ironie in Deutschland durchzusetzen." Wir wollen nun die große, die philosophische Frage stellen: Was hat das für einen Sinn, lustig zu sein? Weshalb überhaupt Gags? Und dieser mit hunderttausend Gags, Pointen und Beobachtungen aufgeladene Feingeist erklärt: "Das Gute an Witzen ist die Entlastung. Jeder ist, auf seine Art, witzig, eigentlich, und jeder kann lachen."

Ist der Schüler Jan Böhmermann je für einen politischen Inhalt demonstrieren gegangen? O ja, gegen Nazis in der Nazihochburg Bremen-Nord. Eine Viertelstunde spazieren wir noch durch das Holländische Viertel. Putin, AfD-Parteitag, die deutsche Verteidigungsministerin, Kindererziehung, lauter ernsthafte, gänzlich unlustige Gedanken. Schön.