Das Kraftwerk entsteht in exponierter Lage direkt am Rhein. Sein Schornstein bekommt eine 60 Meter hohe Glasfassade mit Aussichtsplattform. Von dort wird man über den nordrhein-westfälischen Landtag bis in die Düsseldorfer Altstadt sehen. Umgekehrt soll die gläserne und nachts von innen beleuchtete Fassade als überdimensionales Schaufenster alle Blicke auf die hochmoderne Technik im Inneren lenken. Und die muss sich tatsächlich nicht verstecken: Mit einem Wirkungsgrad von über 61 Prozent wird Block Fortuna, so heißt der Neubau des Kraftwerks Lausward, das effizienteste Gaskraftwerk weltweit.

Gaskraftwerke gelten als ideale Übergangslösung für die Energiewende, sie sind unter den konventionellen Technologien der Stromerzeugung – den Bösen also – noch die am wenigsten schlimmen. Weil sie relativ sauber sind und dazu flexibel einsetzbar. Ein Besuch auf der Baustelle am Düsseldorfer Rheinufer ist aber darum so lehrreich, weil er nicht nur die Möglichkeiten neuester Technik vor Augen führt, sondern auch deren Grenzen – und die Paradoxien, welche das gesellschaftliche Mammutprojekt Energiewende erzeugt.

Anders als Atom- oder Kohlekraftwerke können Gaskraftwerke das schwankende Angebot erneuerbarer Energie aus Wind und Sonne gut kompensieren, indem ihre Leistung rasch hoch- oder runtergefahren wird. Sie stoßen dabei pro erzeugter Kilowattstunde weniger als halb so viel Klimagas aus wie Kohlekraftwerke. Trotzdem wird in Deutschland immer weniger Elektrizität mit Gas erzeugt. Im vergangenen Jahr hatten Gaskraftwerke nur noch einen Anteil von 10,5 Prozent am Strommix, der niedrigste Stand seit 2004. Denn wirtschaftlich lohnt sich Klimafreundlichkeit kaum noch.

Das sparsamste Gaskraftwerk der Erde wollte der Betreiber stilllegen

Das ist das Paradox der deutschen Energiewende: Wind- und Solarenergie boomen, der erneuerbare Anteil der Stromerzeugung steigt von Jahr zu Jahr, 2013 erreichte er ein Allzeithoch von 23,9 Prozent. Trotzdem wächst seit 2010 auch der CO₂-Ausstoß der Elektrizitätswirtschaft wieder. Dafür sind vor allem die deutschen Braunkohlekraftwerke verantwortlich. Obwohl sie die mit Abstand schlechteste Klimabilanz aufweisen, also die Bösesten unter den Bösen sind, erzeugten sie im vergangenen Jahr ein Viertel des deutschen Stroms – und mit 162 Milliarden Kilowattstunden so viel wie seit dem Mauerfall vor 25 Jahren nicht mehr.

Der europäische Emissionshandel sollte diesen dreckigen Strom teuer und damit unrentabel machen. Doch der Markt ist mit Emissionsrechten überschwemmt, der Preis pro CO₂-Tonne deshalb viel zu niedrig. "Der Emissionshandel funktioniert zwar, bewirkt aber keinen aktiven Klimaschutz mehr", konstatiert Franzjosef Schafhausen, im Bundesumweltministerium für die Energiewende zuständig.

Darunter leiden vor allem die Gaskraftwerke, die immer seltener laufen und deshalb unwirtschaftlich werden. Die Betreiber haben bereits für 18 Blöcke mit einer vergleichbaren Gesamtleistung von vier Atomreaktoren die Stilllegung beantragt. Selbst das 2010 fertiggestellte und damals weltweit effizienteste Gaskraftwerk Irsching 5 in Bayern stand zeitweilig vor dem Aus. Erst als die Politik einen zweistelligen Millionenbetrag als Unterstützung zusagte, war die Firma E.on zum Weiterbetrieb bereit – auf Betreiben von Ministerpräsident Seehofer und dem damaligen Wirtschaftsminister Rösler, weil sonst die Stabilität des bayerischen Stromnetzes gefährdet sei.

Bezahlt wird der Zuschuss aus dem Netzentgelt aller Stromverbraucher. Das Bundeskartellamt prüft, ob es sich dabei um eine unzulässige Subvention handelt. "Noch ist die Stilllegung kein Geschäftsmodell", versicherte Hildegard Müller, Vorsitzende des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), jüngst auf der Essener E-World, der europäischen Branchen-Leitmesse. Ihre Betonung lag auf dem "noch".

Die Bauarbeiten an Düsseldorfs Vorzeige-Gaskraftwerk schreiten unterdessen wie geplant voran. Ein Abbruch oder die spätere Stilllegung kommen schon deshalb nicht infrage, weil der Block Fortuna – anders als das mit fast gleicher Technik ausgestattete Kraftwerk Irsching 5 – neben Strom künftig auch Fernwärme an 30.000 Haushalte und Betriebe auf beiden Seiten des Rheins liefern soll. Damit steigt der Gesamtnutzungsgrad des verbrannten Erdgases auf 85 Prozent. Auch das ist Weltspitze.