Wenn in der Lokalzeitung das Foto von der Neuerwerbung des Fußballklubs zu zucken und zu zappeln beginnt wie in einer Harry Potter- Zeitung; wenn im Hauptstadtblatt die Skizze zur Zukunft des Berliner Stadtschlosses plötzlich in die dritte Dimension wächst; wenn in einem Nachrichtenmagazin aus dem Balkendiagramm zur Einkommensverteilung in Europa Geldtürmchen unterschiedlicher Höhe ploppen – dann ist AR am Werk.

"Augmented reality" (erweiterte Realität) heißt die Technik, die dem Autofahrer Abbiegepfeile in die Windschutzscheibe spiegelt, dem Mechaniker durch eine Datenbrille Geräteteile beschriftet – oder eben dem Zeitungsleser hinter seinem zweidimensionalen Blatt Wege in weitere Dimensionen eröffnet. In dieser erweiterten Realität wird womöglich das meiste von dem verschwinden, was heute Infografiker erschaffen: Dateninterpretationen, die nicht in jedem Einzelfall einen ästhetischen Gewinn bedeuten.

Voraussetzung der Teilhabe an dieser Realitätserweiterung ist bisher ein Smartphone. Dieses kann nach einem Scan der Zeitungsseite Marker in den Bildern finden oder – noch schicker – aus den einzelnen Bildpunkten Codes herauslesen – welche wiederum den Link zum Zusatzstoff knüpfen. Und schon sieht man auf dem Handy weitere digitale Angebote: Neben Infografiken können das Interviews, Filme, Spiele und Dokumente sein. In Zukunft werden sich gewiss auch noch kommerzielle Hinweise auftun (einschließlich Sonderangeboten und Wegweisern zum Shop).

Die Erweiterung der Realität im Zeitungswesen begann hierzulande 2010, als das Magazin der Süddeutschen Zeitung auf seinem Titel eine Frau zeigte, die ihr Gesicht hinter den Händen verbarg. Scannte man das Bild mit dem Smartphone und analysierte die gesammelten Daten mittels einer App, entdeckte man hinter den Fingern Sandra Maischberger. Heute gibt es AR-Angebote im Bremer Weser-Kurier, in der Welt, im Focus et cetera. "Augmented Printing" heißt das.

Der Sprung der Infografik ins Digitale erweitert neben der Realität auch die Möglichkeiten dieser Kommunikationsform. Der schwedische Gesundheitsexperte Hans Rosling hat auf fast schon legendäre Weise Kurven und Punktwolken in Abhängigkeit von der Zeit in Bewegung gesetzt und dann auf Basis trockener Daten aufregende Geschichten erzählt. Eine ganze Welt können Infografiker jetzt dank AR hinter jedem Zeitungsfoto verstecken.