Ja: Noten sind sozial gerecht

Eine Bewertung von Leistungen und Kompetenzen der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers kann ihnen als Motivation und Anreiz dienen.

Noten dienen auch als Orientierung; sie informieren die Lehrkräfte und die Eltern über den aktuellen Leistungsstand der Schülerin und des Schülers. Sie machen den Leistungsstand eines Schülers mit dem eines anderen vergleichbar. Bewertungen fordern aber die jungen Menschen auch dazu heraus, sich stärker in einem Fach zu engagieren, wenn die Bewertungen Defizite in diesem Fach sichtbar machen.

Die Kinder und Jugendlichen sollen in der Schule ihre Persönlichkeit ausbilden können und sich darauf vorbereiten, sich aktiv in die Gestaltung der Gesellschaft einzubringen. Zu den wichtigen Grundsätzen einer modernen und pluralen Gesellschaft gehört auch das Leistungsprinzip. Belohnt werden soll derjenige, der sich anstrengt. Beim Zugang zu vielen Studien- oder Ausbildungsplätzen spielen die Zeugnisnoten eine wichtige Rolle. Die Kinder und Jugendlichen auf die Bedeutung dieser Leistungskennziffern im Schonraum der Schule vorzubereiten gehört zu unseren Pflichten. Noten sind dabei aussagekräftig. Viele Studien zeigen, dass Jugendliche mit guten Noten die besten Chancen haben, ihre Ausbildung oder ihr Studium erfolgreich abzuschließen.

Auch in der Grundschule sind Noten ein sinnvolles Mittel, um den Übergang zur weiterführenden Schule mit zu steuern. Gute Zensuren öffnen den Weg zum Gymnasium. Es hat sich in mehreren Untersuchungen gezeigt, dass dieser Weg auch sozial gerecht ist. Wer stattdessen dem Elternwillen freien Lauf lässt, der bevorzugt stärker die Kinder aus betuchten Familien. Wenn die Leistung geringgeschätzt wird, dann entscheidet allein die Herkunft über die Schulkarriere. Noten sind dabei kein Selbstzweck, und sie sind auch nicht das Maß aller Dinge. Sie sollen vielmehr ein realistisches Bild der Leistungsfähigkeit und der Potenziale der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers zu bestimmten Zeitpunkten vermitteln.

Noten bieten durchaus die Möglichkeit der Differenzierung. Die Schülerinnen und Schüler erhalten Rückmeldungen über ihre mündlichen und schriftlichen Leistungen, über die Qualität von Referaten und Jahresarbeiten. Gleichzeitig vereinfachen Noten die Kommunikation zwischen Eltern, Lehrkräften und Schülern über die Leistungen, denn es gibt durchaus eine Vorstellung von der Bedeutung einer Eins oder einer Vier.

Klar, es gibt auch ungerechte Noten. Genauso gibt es aber ungerechte Kompetenzberichte. Schüler und Eltern schätzen dabei durchaus die Klarheit von Ziffernnoten und wollen wissen, wo sie oder ihre Kinder im vertrauten Koordinatensystem der Leistung stehen.

Dass schlechte Noten eine gewisse Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler und auf deren Eltern ausüben können, ist nicht auszuschließen. Aber das Einfordern von Leistung hilft den Kindern mehr als der Verzicht auf sie.

Damit die Leistungsanforderungen – und damit auch die Noten und Schulabschlüsse – bundesweit besser vergleichbar werden, haben die Kultusminister nationale Bildungsstandards entwickelt. Der mittlere Bildungsabschluss in Bayern muss mit dem in Berlin vergleichbar sein, das Abitur in Hamburg mit dem in Hessen. Beim Abitur setzt Bayern diesen Gedanken mit einigen Ländern bereits von diesem Jahr an um. Die Schülerinnen und Schüler mehrerer Bundesländer lösen im Abitur künftig gemeinsame Aufgaben. Im Mai dieses Jahres schreiben sie erstmals diese Art der Prüfungen.

Noten sind aussagefähige Einschätzungen der Leistung junger Menschen zu einer bestimmten Zeit in bestimmten Fächern.

Aber die Schule darf als Abbild der Gesellschaft nicht nur aus Noten und Leistungsmessung bestehen. Die Schule ist mehr; sie ist ein Lern- und Lebensraum, in dem Gemeinschaft erlebt wird und Werte vermittelt und eingeübt werden. Die Schule dient deshalb im ganzheitlichen Sinne der Persönlichkeitsentwicklung.

Ludwig Spaenle (CSU)