Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Vor einigen Tagen, als diese Sache mit dem verschwundenen Flugzeug aktuell war, erhielt ich eine E-Mail. Sie kam von einem Nachrichtenmagazin im Fernsehen, welches RTL Explosiv heißt. Die Mail lautete so: "Wir planen einen Sonderbeitrag zum verschollenen Flug MH370. Wir haben bereits einen Piloten sowie eine Psychologin gefunden, die uns unterschiedliche Sichtweisen ermöglichen. Diese Expertenrunde würden wir gerne mit Ihnen als Terrorismusexperten abrunden. Es geht hierbei nicht darum zu sagen, ja oder nein, das war ein Terroranschlag, sondern lediglich diese mögliche Variante zu beleuchten und von einem Experten einzuordnen. Die Gage für Ihren Einsatz würden wir telefonisch besprechen. Liebe Grüße aus Köln."

Ich habe mich gefragt, wie RTL auf die Idee kommen könnte, dass ich ein Terrorexperte bin, der etwas abrunden, beleuchten oder gar einordnen kann. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich mal eine Kolumne über Terrorexperten geschrieben habe, mit der Fragestellung, wie wird man so was, wo kann man in Terrorismus seinen Bachelor machen? Wenn man das Wort "Terrorexperte" googelt, taucht deshalb wahrscheinlich mein Name auf. Mir ist wieder mal klar geworden, wie schnell man in unserem Gesellschaftssystem in den falschen Verdacht gerät, von irgendwas Ahnung zu haben.

Ich habe mir RTL Explosiv im Internet angeschaut. Sie hatten einen Bericht über eine 103-Jährige, die ihre 68-jährige Tochter pflegt. Rollentausch in der Pflege, ein unterschätztes Problem im alternden Deutschland. Weil die Menschen immer älter werden, müssen Hochbetagte, die noch relativ fit sind, ihre inzwischen ebenfalls alten, aber nicht ganz so fitten Kinder pflegen. Ein anderer Bericht befasste sich mit dem Jobcenter in Zwickau. Da bieten sie Benimmkurse für Hartz-IV-Empfänger an, wo Hartz-IV-Empfänger Wörter wie "bitte" und "danke" lernen können. Wenn der Arbeitslose den Job kriegt, soll er sagen "Danke, das freut mich", er soll nicht sagen "Fickt euch doch alle ins Knie" oder Ähnliches. Eine Bewerbungsexpertin beleuchtet dies mit den Worten: "Auf Höflichkeit legen die Arbeitgeber heutzutage viel Wert." Das hätte ich an ihrer Stelle auch gesagt, Bewerbungsexpertin ist ein leichter Job. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die Höflichkeitskurse als menschenunwürdig und spätkapitalistisch verurteilen. Es ist eine interessante Sendung.

In dem Beitrag über das verschwundene Flugzeug wurde die Frage gestellt: "Kann das in Deutschland auch passieren?" Immer wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert, taucht meiner Erfahrung nach die Frage auf, ob diese schlimme Sache auch in Deutschland passieren könnte. Meistens ist dies möglich, bis auf zum Beispiel einen Ausbruch des Vesuv. Der Vesuv könnte in Deutschland nicht ausbrechen. Der Pilot, den sie als Experten engagiert hatten, stellte in seinem Flugzeug die Funksignale ab. Ergebnis: Das Flugzeug sendete keine Funksignale mehr. Es kann also auch in Deutschland passieren. Vielleicht weil ich mich nicht gemeldet hatte, äußerte sich statt eines Terrorismusexperten ein Luftfahrtexperte. Er vertritt unter anderem die Ansicht: "Wenn man keine genauen Informationen hat, wird eine Suche schnell schwierig." Ich habe mich geärgert, ich hätte nämlich genau das Gleiche gesagt. Für Expertenmeinungen kann man meines Wissens bis zu 1.000 Euro Honorar bekommen. Dies wäre ein Tipp für alle Hartz-IV-Empfänger in Zwickau, werdet Hartz-IV-Experten. Aber man muss immer schön höflich bleiben dabei, auf Höflichkeit legen die Zuschauer heutzutage viel Wert.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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