Nebel liegt über der Norderelbe, so dicht und milchig, dass die Brücke über dem Fluss aussieht wie in eine Decke gehüllt. Es ist ein früher, leiser Samstag im März, der Verkehr steht still, der Wind ruht, nur unten, zwischen den Pfeilern, knackt es. Bauarbeiter sind am Werk, die Brücke muss repariert werden, dringend. Ein Ruf hallt, dann sprühen Funken. Lichtsplitter segeln der Elbe entgegen, viele Meter tief. Es kracht.

Ein roter Lastwagen fährt auf die Brücke.

Hamburg, am Wasser gebaut. Eine Stadt, verwischt und diesig wie ein Aquarell, durchströmt von Hunderten Flussarmen, Kanälen und Fleeten, die alles zulassen, was schwimmen kann. Das Wasser prägt das Bild der Stadt, ihren Reichtum, ihre Identität, ihren Stolz. Aber es zerfasert sie auch, mehr als jeden trockenen Ort, dessen Bewohner nur mal ein Gleis oder eine Straße queren müssen, wenn sie ein Hindernis meinen.

Vielleicht ist es deshalb so eine große Sache für die Hamburger, wie viele Brücken sie haben: "Rund 2500" sollen es laut Behörde sein, "mehr als in Venedig und Amsterdam zusammen", heißt es unter anderem auf hamburg.de – zum Glück können sie in der Stadt sorgfältiger Brücken bauen als zählen, aber dazu später. Erst mal geht es hier um die gefühlte Wirklichkeit: Alles ist erreichbar, das zeigen diese Bauwerke, an jeder Ecke, an jedem Tag, zu oft. Hamburgs Brücken sind marode, selbst die berühmteste von ihnen, die Köhlbrandbrücke, ist seit Montag teilgesperrt. 38 weitere sind nicht mehr zu retten. Ihr Abriss ist in Planung.

An der Norderelbe, an diesem frühen, leisen Samstag, hat der Lastwagen die Mitte der Brücke erreicht. Ein roter Kasten, auf einem schmalen Streifen zwischen Himmel und Elbe. Eines der wenigen Fahrzeuge, die während der Bauarbeiten die Brücke passieren dürfen. Noch ein paar Stunden, dann wird sich der Stau von hier aus bis Niedersachsen ziehen.

Aber eine Brücke, die fehlt, ist mehr als ein Verkehrsproblem. Eine Brücke, die fehlt, zerschneidet Beziehungen und Absichten, Maß und Mischung. Von Hamburgs Brücken und ihrer verbrauchten Substanz zu erzählen heißt also auch, von den verletzlichen Berührungspunkten der Stadt zu erzählen.

Eine Geschichte vom Trennen und Verbinden.

Marienthal, am Vormittag, eine 91-jährige Dame läuft die Ernst-Albers-Straße entlang, zwischen Stadtvillen und gekämmten Gärten. Sie trägt das weiße Haar wie eine kleine Wolke um den Kopf und unter dem Arm einen Schläger. Die Dame, Gretl Pagenstecher, ist unterwegs zum Tennis.

Vor einem Zaun bleibt sie stehen und blickt auf die Lärmschutzwand dahinter: In der Mitte klafft ein Loch, mächtig, als wäre ein Elefant hindurchgerannt. "Früher", sagt Frau Pagenstecher, "kam ich hier geradeaus zum Club." Heute würde sie abstürzen, direkt auf die Autobahn. Die Ernst-Albers-Brücke, die einst auf die andere Seite führte, war so kaputt, dass sie abgetragen wurde. Vier Jahre ist das her.

Seitdem streitet die Stadt mit einer Anrainerin um den Neubau. "Dabei ist die hergezogen, als die alte Brücke schon stand", sagt Frau Pagenstecher. "Die weiß nicht, wie wichtig der Bau für uns war."