Das dokumentarische Kino liebt den Verlierer, den Menschen mit gebrochener Biografie. Denn er liefert sich der Kamera aus, zeigt sein kaputtes Leben, in der Hoffnung auf Geborgenheit im Scheinwerferlicht. "Dieser Film ist das Einzige, was mich aus der ganzen Scheiße gerettet hat", sagt Garry Fraser, Mitte dreißig, Jogginghose und Kapuzenpulli.

Fraser lebt im Norden Edinburghs, einem Armutsviertel Schottlands. Als er ein Kind war, drückte seine Mutter brennende Zigaretten in seiner Hand aus, sein Stiefvater schlug ihn mit dem Gürtel, dann kam er in Pflegefamilien. 36 waren es in acht Jahren. Mit 16 begann er, Drogen zu nehmen, Marihuana, Heroin, später verkaufte er den Stoff weiter. "Ich hätte nie gedacht, dass du da wieder rauskommst", sagt sein Cousin vor der Kamera. Fraser kam da raus. Er drehte einen Film über sich, Everybody’s Child, der bei der elften Dokumentarfilmwoche Hamburg am kommenden Samstag (12. April) im 3001-Kino erstmals in Deutschland zu sehen sein wird.

Fraser fährt zurück in sein altes Leben, mit der Kamera als Halt und Waffe. Die Gesichter, die er filmt, sind zerfurcht und aufgedunsen, die Klamotten schlottern an den Körpern. Übriggebliebene in einer Gegend, die kaum anderes kennt als Armut und Gewalt. Er kehrt zurück in den Hinterhof, in dem er einem Jugendlichen das Knie zertrümmerte. Zu einer Pflegemutter, die er liebte. Zu seinem Vater und zu seiner Mutter. Wie ein Filmemacher, nicht wie eine Privatperson müsse er jetzt denken, sagt er zu sich, als er im Auto vor dem Haus seines Vaters sitzt; nicht als Garry, der Sohn, spreche er mit ihm, sondern als Garry, der Beobachter. Der Vater erzählt, wie er selbst schon als Kind mit dem Gürtel verprügelt wurde. Seine Lippen zittern unaufhörlich. Die Mutter umarmt ihren Sohn zum Abschied kurz, Fraser geht zum Auto, Tränen in den Augen. "Da ist keine Liebe", sagt er und starrt an der Kamera vorbei. "Ihr ist es scheißegal, ob sie mich wiedersieht."

Fraser leidet, aber das Filmen schafft Distanz. Seine Kamera hat Macht, sie kann ihn aus dem Elend herausziehen. Vom Opfer wird er zum Akteur. Diese Form von Selbstermächtigung im und durch das Medium funktioniert auch bei einer Schulklasse von Einwandererkindern in Basel. Der Film heißt Neuland, er läuft einen Tag nach Everybody’s Child (13. April) im Metropolis.

Jugendliche aus Afghanistan, Eritrea und Serbien sind in der Schweiz gelandet. Flüchtlinge und Verfolgte, deren einzige Hoffnung eine Integrationsklasse ist, in der sie zwei Jahre lang die Grundlagen für eine Ausbildung erlernen sollen. Die Schweiz toleriert nur produktive Existenzen.

In einer der ersten Stunden notieren die Schüler an der Tafel wichtige Ereignisse aus ihrem Leben. Die Albanerin Nazlije schreibt: Krieg beginnt, Mutter gestorben, neues Kapitel: Schweiz. Nazlije war zu Hause eine der Besten der Klasse, sie will Lehrerin werden. Sie schafft es nicht, am Ende, nach Dutzenden von Absagen, reicht es für eine Lehrstelle. Für Eshanullah, einen Jungen aus Afghanistan, der die Schulden zurückzahlen muss, die seine Eltern für seine Flucht gemacht haben, ist der Druck zu hoch. Er ritzt sich die Arme, sein Deutsch bleibt schlecht, er fehlt in der Schule, arbeitet in einem Restaurant, brät Würstchen auf dem Jahrmarkt.

Ungelernte Fremde wie Eshanullah, deren Existenzen sich schwer amortisieren, wollen die westlichen Wirtschaftsgesellschaften nicht, das spüren die Schüler. Sie bleiben außen vor und verbünden sich deshalb mit der Kamera, verstecken nichts, lassen sich überallhin begleiten. Der Dokumentarfilm kann ihr Elend nicht mildern, aber ihr Schicksal durch Registrierung und Bebilderung ins Bewusstsein rufen.

Elfte Dokumentarfilmwoche Hamburg, 9. bis 13. April in folgenden Kinos: 3001, B-Movie, Lichtmess und Metropolis