Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ist so einer wie ich, der erst seit zehn Jahren in Hamburg lebt, überhaupt befugt, etwas über Hamburg zu sagen? In den Augen vieler hier Geborener wohl nicht. Aber einen kleinen Vorteil haben womöglich die Zugezogenen: Ihr Blick ist noch relativ unverstellt. Vielleicht erkennen sie auch etwas, was sonst leicht übersehen wird.

Worüber man in der Stadt geradezu stolpert, ist ihre bestechende Schönheit – und auf die sind ihre Bewohner so stolz, wie sonst wohl in keiner Großstadt der Welt. Auch die Berliner, Römer oder New Yorker wissen, dass sie in einer einmaligen Stadt leben, aber wenn sie von ihr sprechen, schimpfen sie oft zuerst über das, was dort nicht so schön ist.

Nichts gegen Zufriedenheit – aber was uns Hamburgern zuweilen fehlt, ist Neugier: Was machen andere Städte besser? Woran müssen wir uns messen? Es ist daher ein Paukenschlag, wenn die früheren Bürgermeister Ole von Beust und Klaus von Dohnanyi in dieser Ausgabe ihre Mitbürger gemeinsam warnen. "Wir beschwören unsere Internationalität und Weltoffenheit, wer aber wirklich international ist, der ist es eben und betont es nicht immer trotzig", sagt von Beust. Und von Dohnanyi moniert: "In Hamburg bewegt sich viel – aber Hamburg als Gemeinschaft bewegt sich kaum. Man ist mit sich zufrieden."

Es ist die Sorge von zwei Hamburg-Kennern mit höchsten Weihen, die das schwarze und das rote Hamburg repräsentieren, dass ihre Stadt den Anschluss an Deutschland, an die Welt verlieren könnte – und dieses Anliegen wird hoffentlich als Einladung verstanden, über das Selbstverständnis und die Zukunftsfähigkeit Hamburgs beherzt zu diskutieren. Auch wir bei der ZEIT glauben: Hamburg ist eine großartige Stadt – aber da geht doch noch mehr!

Noch nie in ihrer Geschichte hat die ZEIT einen Lokalteil herausgegeben. An Hamburg-Expertise fehlt es uns aber nicht, trotz des zugelaufenen Chefredakteurs. Seit ihrer Gründung 1946 sitzt die Redaktion mitten in der Stadt. Die meisten sind begeisterte Hanseaten, weswegen sie die eigens aufgebaute Hamburg-Redaktion unterstützen wollen.

Es soll ein Blatt werden für Menschen, die keine Zeit haben für eine tägliche Zeitung, aber einmal die Woche das Wichtigste aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur erfahren wollen – und die wissen möchten, welche Schätze sie noch in ihrer Stadt bergen können. Es soll ein Blatt werden für Hamburger, die wissen, was sie an ihrer Stadt haben, aber die nicht ständig vorgetrötet bekommen müssen, dass sie in der schönsten Stadt der Welt leben. Für Leserinnen und Leser, denen konstruktive Kritik auch Bedingung ist für eine Stadt, in der sie sich aufgehoben fühlen.

Noch nie durfte ich ein Projekt begleiten, das von der ersten Ankündigung an auf so viel Wohlwollen und auf so viele Erwartungen gestoßen ist wie diese Hamburg-Seiten. Dieser Geist soll den neuen Stadtteil tragen. Schreiben Sie mir, schreiben Sie uns, was Sie von diesen Seiten erwarten – und was nicht: hamburg@zeit.de.

Die ZEIT lebt seit ihren ersten Tagen mit einer Mogelpackung im Titelkopf. Weil die damaligen Stadtväter dem ZEIT-Verleger Gerd Bucerius den Gebrauch des Hamburger Wappens verweigerten, ist dort seit fast 70 Jahren das Bremer Stadt-Emblem zu sehen. Für den Hamburg-Teil darf Hamburg auch wie Hamburg aussehen. Olaf Scholz hat es möglich gemacht. Wenn das kein Anfang ist!

Herzlich, Ihr Giovanni di Lorenzo