Vorsicht, das Tor zur Welt geht zu!
Ein Plädoyer von Klaus von Dohnanyi

Hamburg hat eine große Geschichte – aber diese ist nicht mehr wirklich die Geschichte unseres heutigen Hamburg. Als Max Brauer 1946 aus dem US-amerikanischen Exil zurückkam und Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt wurde, da konnte er staunen: Seine ehemals unabhängige preußische Stadt Altona, dessen selbstbewusster Bürgermeister er noch 1933 gewesen war, war inzwischen Stadtteil eines viel größeren Hamburg geworden, so wie auch Wandsbek, Harburg und weitere Gebiete des Umlandes. Das nationalsozialistische Reich hatte 1937 durch Eingemeindung ein "Groß-Hamburg" geschaffen; manch früherer Versuch war gescheitert. Heute können wir uns Hamburg nur noch als dieses Groß-Hamburg vorstellen.

Aber unsere Stadt hat dabei auch etwas verloren, das die alte, kleine und selbstbewusste Hansestadt einst auffällig geprägt hatte: einen Bürgerstolz, der mehr war als der Stolz auf eine schöne und lebenswerte Großstadt im Norden. Es war der Stolz großer Unternehmer, die sich als Kaufleute, Bankiers und Reeder die Welt zu eigen machen wollten. Und es waren diese Unternehmer, die die Kraft Hamburgs bedeuteten, auch als republikanische Senatoren und Mitglieder der Bürgerschaft. Es waren Unternehmer, die Hamburgs Bedeutung geschaffen hatten.

Bürgerstolz und weitsichtiger Kaufmannsgeist fühlten sich damit auch verantwortlich für die Zukunft der Stadt. Man wusste zwar auch um die bürgerliche Enge, die einen Stadtstaat befallen kann, und um die Gefahren innerer Provinzialisierung und gemächlicher Selbstzufriedenheit im begrenzten stadtstaatlichen Raum. Aber Hamburger Senatoren und Kaufleute waren keine kleingläubigen "Meistersinger": Der Blick in die Welt glich diese Gefahren immer wieder aus. Zu ehrgeizig und weltoffen waren Hamburgs führende Köpfe.

Damals war Hamburg ja auch wirklich Deutschlands "Tor zur Welt" und nicht nur ein wichtiger Hafen- und Handelsplatz. Wer damals nach Übersee reisen wollte, der musste eben erst mal an die Landungsbrücken zu Hamburg kommen, um dort die großen Segler, oder später die Dampfschiffe, zu besteigen. Schiffbau für die Welt, Schifffahrt auf den weltweiten Routen, globaler Warenhandel und Weltreisen von den Landungsbrücken – die Augen der Hamburger waren auf die Meere und fernen Länder gerichtet. Man war auch draußen zu Hause.

Diese weltweite Bedeutung hat Hamburg heute verloren, auch wenn wirtschaftlich Hafen und Handel noch immer eine wichtige Rolle spielen. Aber nur damals konnte – im doch räumlich viel kleineren Hamburg – ein Witz wie dieser kursieren: "Was, lieber Freund, Sie haben Ihre Tochter nach München verheiratet? Hätten Sie nicht eine Stadt wählen können, wo man auch mal vorbeikommt, wie Rio de Janeiro, zum Beispiel?"

Kein Hamburger unserer Tage könnte noch so reden: Das deutsche Tor zur Welt ist heute nämlich der Airport Frankfurt; der Hamburger Flughafen nennt sich selbst – und das ist ja in der Sache auch richtig – einen Regionalflughafen! Auch die alles beherrschende Luftfracht ist inzwischen die Domäne von Frankfurt, München und Düsseldorf (alles größere Flughäfen), und direkte Passagierflüge aus Hamburg nach Übersee (einst zu Schiff Hamburgs unbestrittenes Vorrecht) kann man heute mit der Lupe suchen. Welches "Tor" sind wir also noch?

In Hamburg bewegt sich viel – aber Hamburg als Gemeinschaft bewegt sich kaum

Diese Entwicklung ist keinen Versäumnissen Hamburgs geschuldet: Geografie, Demografie und Technologie haben sie unausweichlich gemacht. Düsseldorf und Frankfurt liegen eben an der großen europäischen Verkehrsader entlang des Rheins und haben zusätzlich Absatzpotenziale im Westen, in Belgien, den Niederlanden und Ostfrankreich. Und beide Städte liegen auch selbst in dichter besiedelten Großräumen. Was sich mancher Hamburger so gar nicht klarmacht: Die Bundesländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern plus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland (also das nördliche Europa und das deutsche Umland Hamburgs) haben zusammen kaum mehr Einwohner als Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Aber im Süden und Westen liegen dann weitere Staaten mit großen, landnahen Absatzmärkten: unmittelbar angrenzend Österreich, die Schweiz, Tschechien, dann der weitere Balkan, Italien, Südwestfrankreich – alle in landnaher Entfernung zum deutschen Süden, während der Norden, allerdings weit übers Wasser, eventuell noch Großbritannien oder Irland erreichen könnte.

Hafen und Handel sind uns geblieben und bleiben wichtig, aber das Tor zur Welt verlagerte sich entscheidend nach Süden: Wer in diesen Tagen zu einer betriebsamen Stunde von Hamburg nach München oder nach Frankfurt fliegt (und zurück), der weiß, was ich meine. Hamburg hat das deutsche Tor zur Welt verloren (auch der Flugverkehr braucht eben ein starkes, regionales Quellaufkommen), und so sind wir nun auf das Festland zurückgeworfen, aber dort eben nur Teil eines relativ dünn besiedelten Nordeuropa.

Kann es da verwundern, dass jener stolze Blick in die Welt heute in Hamburg kaum noch spürbar ist? Wie könnte man auch von einer Mehrzahl der Einwohner der früher preußischen und eher landgerichteten Stadtteile Wandsbek, Harburg oder auch Altona erwarten, sie sollten nun den einst mutigen republikanischen Weltblick der ehemaligen Hamburger Kaufleute leben?

Was wird aber dann aus Hamburg? Haben wir unsere neue Aufgabe gefunden? Kann eine Stadt ohne "Aufgabe" vorangehen? Wir alle in der Politik hatten uns redlich bemüht, aber der Stillstand in Hamburg, den Helmut Schmidt schon vor über 50 Jahren ("sie schläft, meine Schöne") kritisierte, ist unübersehbar: In Hamburg bewegt sich viel – aber Hamburg als Gemeinschaft bewegt sich kaum. Man ist mit sich zufrieden.

Wir sind eine sozial und umweltbewusste große Stadt, vielleicht die grünste (im botanischen Sinne) Deutschlands, haben einige starke industrielle Standorte, zum Beispiel in der Flugzeugindustrie, und verfügen über eine große Breite mittlerer und kleiner "Champions". Aber reicht das? Es war doch nicht nur eine Anmaßung, wenn sich München (bis 1945 nur eine schöne kleine Residenz mit Universität und Schwabing) schon zu Zeiten der deutschen Teilung die "heimliche Hauptstadt" der Bundesrepublik nannte! Und ist es ein Zufall, wenn heute internationale Berichterstattungen, Wetterkarten oder Kulturkalender unter deutschen Städten oft nur Berlin, Frankfurt und München erwähnen, aber die zweitgrößte Stadt Deutschlands, Hamburg, nicht?

Geografie, Demografie und tief greifende Veränderungen in den Transporttechnologien lagen und liegen nicht in unserer Hand. Aber wenn das so ist, muss Hamburg endlich aufhören, sich in ein Tor zur Welt zurückzuträumen. Wir müssen auf diese neue Zeit und auf deren neue Möglichkeiten kräftiger reagieren.

Politik allein kann das nicht schaffen. Doch wo ist der weitschauende Bürgergeist, der diese Stadt einst so mächtig getragen hat? Wo ist heute die Gemeinsamkeit großer Hamburger Unternehmer, die früher als Reeder, Bankiers und weltweit agierende Kaufleute den Puls Hamburgs getrieben haben? Wo sind weltweit agierende Treiber großer Medien- und Kommunikationsindustrien, die Hamburg weltweit positionieren könnten? Eine "Medienstadt" ohne bundesweite Tageszeitung?

Hamburg muss sich für diese neue Zeit "neu erfinden". Aber mit welchem Ziel, mit welchem neuen Traum für welche neue Wirklichkeit? Wer sich in der Welt umschaut und den Weg sieht, den andere Regionen oder Städte einschlagen, dem ist klar: Nur Bildung, Wissenschaft und Hightechentwicklungen werden die Zukunft des Standortes Hamburg sichern. Und nur diese.

Plädoyer Ole von Beust

Wollen wir nicht mehr als Alsterschwäne?
Ein Plädoyer von Ole von Beust

Ein privates Abendessen. Ich sitze neben der aus Südostasien stammenden Ehefrau eines Hamburger Kaufmanns. Sie lebt seit einigen Jahren in Hamburg. "Und", frage ich sie, "gefällt es Ihnen in der Stadt?" – "Schon", sagt sie, "aber Sie müssen mir eines erklären: Die Leute nennen Hamburg immer die schönste Stadt der Welt. Ich dachte am Anfang immer, das sei ein Running Gag, aber die meinen das ernst, oder?"

Sonntagabend. Im Zug von Berlin nach Hamburg treffe ich Bekannte. Man kommt über die Städte ins Gespräch. "Ein paar Tage in Berlin sind immer belebend. Das ist so spannend, so viele Brüche, Provokationen, Widersprüche – eben eine echte Weltstadt. Aber dann bin ich doch wieder heilfroh, in mein ruhiges Hamburg zu kommen, hier ist alles so schön geordnet."

Sind wir so? Ich fürchte, ja. Wir lieben die Stadt, so wie sie ist. Und wenn wir Neues und Veränderungen wollen, dann geht’s eben nach Berlin oder New York. Überspitzt: Wir sind ein großes Baden-Baden des Nordens. Das öffentliche Interesse dreht sich um die Speisefolge beim Matthiae-Mahl oder den Zeitpunkt der Rückführung der Schwäne auf die Binnenalster.

Nun kann man einwenden, zum Beispiel die HafenCity sei doch neu, an der Elbe in Richtung Neumühlen sei viel Modernes entstanden. Stimmt, aber vorher hat da auch keiner gewohnt. Veränderungen finden dort statt, wo sie niemandem wehtun. Wenn aber wirkliche Veränderungen "drohen", tun wir uns schwer:

Als die Pläne diskutiert wurden, große Teile der Universität auf frei werdende alte Hafenflächen zu verlegen, formierte sich der Widerstand. Von der Handelskammer über die Politiker in Eimsbüttel bis zu den großen Parteien waren letztlich alle dagegen. Und auch ich hatte nicht mehr die Kraft, die Sache voranzubringen.

Als im Zentrum der Stadt der Domplatz bebaut werden sollte, und zwar nicht mit rotem Backstein, formierte sich der Widerstand. Der Platz blieb leer.

Die Verbesserung der Kooperation mit Schleswig-Holstein mit dem Ziel, in absehbarer Zeit zusammenzuwachsen, begann euphorisch. Heute ist davon wenig übrig, man streitet über den Standort einer Windkraftmesse.

Das waren einige Beispiele, die typisch sind für unser Denken. Nun ist das per se keine Katastrophe, wäre ansonsten alles zum Besten bestellt. So ist es aber leider nicht. Die Zukunft der maritimen Wirtschaft ist zumindest labil: Schiffsfinanzierungen und Neubau schwächeln, Handelswege ändern sich durch neue logistische Zentren, zum Beispiel im Ostseeraum und an der Adria, zulasten Hamburgs. Und eine langfristige Tiefwasserfähigkeit ist nicht in Sicht.

Wichtige Teile der Medien- und Kreativwirtschaft wie etwa den Springer-Verlag oder das Studio Hamburg zieht es nach Berlin, wo man Start-ups im Vergleich zu uns ein Vielfaches an Kapital zur Verfügung stellt.

Eine Profilierung der Hochschulen im internationalen Spitzenbereich ist, mit wenigen Ausnahmen wie etwa dem Kompetenzzentrum für Klimaforschung, nicht erkennbar.

Das Stadtbild ist solide, aber internationale architektonische Highlights fehlen fast gänzlich. Die Internationale Bauausstellung im Süden der Stadt hat keine Breitenwirkung erzielt, genauso wenig wie Hamburgs Ernennung zur europäischen Klimahauptstadt.

Handelsbeziehungen in alle Welt gerne, aber zu Hause werden wir lieber in Ruhe gelassen

Es gibt, verglichen etwa mit München, Frankfurt oder Düsseldorf, kaum Entscheiderzentralen von Großunternehmen. Und keinen regt das auf. Warum denn nicht?

Ein Diskurs, wo wir eigentlich hinwollen, wo unser Platz im internationalen Wettbewerb sein soll, findet nicht statt. Wir beschwören allgemein unsere Internationalität und Weltoffenheit, wer aber wirklich international ist, der ist es eben und betont es nicht immer trotzig. Vielleicht wollen wir es auch gar nicht sein. Handelsbeziehungen in alle Welt gerne, aber zu Hause werden wir lieber in Ruhe gelassen.

Das ist kurzfristig gemütlich, stärkt auf lange Sicht aber unsere Position nicht. Man braucht eine Idee, ein Leitbild dafür, wohin man will. Das kann nicht verordnet, aber angestoßen – und dann lebhaft, kontrovers diskutiert und schließlich verwirklicht werden. Die Idee der wachsenden Stadt vor 13 Jahren war so etwas. Es entstand Aufbruchsstimmung, die aber, sicherlich auch durch eigene Fehler verursacht, wieder verschwand. Inzwischen äußert sich die Mehrheit der Hamburger in einer Umfrage gegen Wachstum.

Nun muss es nicht Wachstum sein, es muss aber ein Ziel formuliert werden, wohin man will. Ein Ziel, das die Handelnden motiviert und der Stadt eine Orientierung gibt. Nicht als Selbstzweck, sondern um langfristig Erfolg zu haben.

Was könnten Gedanken zu einem solchen Ziel sein? Drei Betrachtungen.

1. Sollten wir nicht den Kleinkrieg mit Berlin beenden? Wir meinen, wir seien viel solider und besser. Und die Berliner meinen, sie seien viel urbaner und weniger spießig. Sollten wir nicht eine gemeinsame Strategie entwickeln, an deren Ende die beiden großen deutschen Metropolen, die aus Weltsicht geografisch eins sind, abgestimmte Inhalte entwickeln? Zum Beispiel im Bereich der Kultur, der Hochschulen, der Integration, des Tourismus, der Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik? So könnten wir international zusammen auftreten und würden auch zusammen wahrgenommen.

2. Sollten wir nicht eine nordische Strategie in Hinblick auf die kommende Fehmarnbelt-Querung rechtzeitig gemeinsam mit Dänemark und Schweden entwickeln? Wir wachsen einfach enger zusammen und werden eine Region, das muss aber langfristig vorbereitet werden, wenn wir gemeinsam etwas davon haben wollen.

Für beide Punkte gilt: Es braucht nicht bloß einen Letter of Intent, sondern langfristige, verpflichtend formulierte Ziele, konkrete Schritte und begeisternde Symbole, von gemeinsamen Theaterinszenierungen bis zur Bewerbung für sportliche Großereignisse und Architekturwettbewerbe.

3. Wie wäre es mit einer Idee von Hamburg als Industriezentrum, ein bewusster Kontrapunkt also zur Fixierung auf den Dienstleistungssektor? Das würde uns von Schwankungen des Welthandels unabhängiger machen und Arbeitsplätze für diejenigen schaffen, die sonst zu Globalisierungsverlierern würden. Das zu konkretisieren bedeutet aber auch die Nähe von Gewerbe zu Wohngebieten, die Ausweisung neuer Flächen auch auf bisherigen Hafenflächen und Investitionen in die Infrastruktur des Güterverkehrs. Auch das könnte ein lohnendes, im Detail aber leider auch eher unpopuläres Ziel sein.

Natürlich muss im Alltag vernünftig verwaltet werden. Ich schätze, die mangelnde Fähigkeit "meines" letzten Senats, mit dem Glatteis fertigzuwerden, hat die Stimmung negativer beeinflusst als die Debatte um die Schulreform. Das ist verständlich. Die Menschen erwarten, dass die Stadt ihre täglichen Beschwernisse, wo es auch immer geht, in Grenzen hält. Das befreit uns jedoch nicht von der Notwendigkeit, strukturelle Defizite zu analysieren, zu benennen und langfristige Leitbilder zu entwickeln.

Hamburg kann das. Vom damals notwendigen Freihafen und der Speicherstadt über das Achsenkonzept der Stadtentwicklung, die Idee, Planung und Verwirklichung der HafenCity bis zu Investitionen in Desy und das UKE sowie den Ausbau der Flugzeugproduktion bei Airbus in Fuhlsbüttel, das alles waren Unterfangen von weitreichender, teilweise konfliktverursachender Bedeutung.

Besinnen wir uns auf diese Kraft, statt vor Schönheit zu erstarren.