Ein bisschen muffig, der Languedoc? Der Kellner reagiert gefasst. "Ehrlich gesagt: Mir liegt der auch nicht. Aber der Kollege meinte, ich soll den empfehlen." Kurz darauf steht am selben Platz ein Glas Rotwein, der schmeckt – Geschenk des Hauses, wie sich später erweisen wird. Man muss solche Momente mögen, wenn man das Schauermann mögen will. Denn mit Schussligkeit haben sie nur am Rande zu tun, mehr mit dem Tribut eines Lokals an einen besonderen Ort.

Man findet leicht hin, wenn man die Davidstraße hinaufläuft, vorbei an Dealern, alternden Bürgerschreckkneipen und x-fach überklebten Solidaritätsaufrufen. Wir sind in der Hafenstraße. "Eat the rich", fordert ein Aufkleber vor der Tür, aber die stehen gerade nicht auf der Karte. Was da steht, liest sich im Vergleich fast fade. Ein bisschen Italien, ein bisschen saisonales, regionales Allerlei: "Bärlauchrisotto mit pochiertem Ei", solche Sachen.

Dann kostet man und hält die Luft an – schon weil man niemanden anhauchen will. Mehr Bärlaucharoma geht nicht. Der Reis hat den dazu perfekten Biss: kernig, aber nicht hart. Man futtert Löffel um Löffel, wie unter Beobachtung: Die Küche hat aus Ei und Kirschtomaten ein Gesicht gebastelt. Es wirkt, als würde es grinsen: "Fade, hast du gesagt?"

Mag sein, dass der Wein da mit hineinspielt; der neue ist wirklich gut. Vor allem aber liegt es an Stephan Niese, Mitinhaber und Küchenchef. Es passt, dass sein Lokal nach den Schauerleuten benannt ist, den Säckeschleppern im Hafen. Ehrliche Arbeit ohne Tüdelkram darf man hier immer erwarten. Oft kommt dazu noch ein Quäntchen mehr an Geschmack oder Fantasie.

Die sachliche Einrichtung verträgt sich mit dem Stil der Küche: weiß eingedeckte Tische, beigefarbene Wände, behagliche Sessel. Das Schönste ist ohnehin der Elbblick von der breiten Fensterfront oder von der Terrasse. Schwer vorstellbar, dass hier mal Mädchen auf Tischen tanzten; die Immobilie war vorher ein Animierlokal.

Das Schauermann kokettiert nicht mit seiner Lage. Darum war es nie richtig hip – und darum ist es immer noch da, seit bald zehn Jahren. Aber auch ohne Kiez-Folklore spürt man die Gegend: am "Du", das im Laufe des Abends auch den steifsten Besucher ereilt. An den Preisen, die immer noch fair sind. Und natürlich am Kellner mit Fusselbart, der so wunderbar undevot seine Arbeit versieht ("Willst du noch ’n Wasser oder so?"). Es gibt nichts Gemütlicheres als diesen Hauch Existenzialistenkneipe im Feinschmeckerlokal.

Küchenchef Niese wirkt daneben fast overdressed in seiner Kochjacke mit den goldenen Knöpfen. Auffallend auch der eingenähte Drache; der Mann ist Kickboxer. Kurz bevor er die Runde macht, kommt das beste Gericht des Abends: Labskaus von der Ente. Klingt komisch, schmeckt aber genial. Das mürbe, süßliche Keulenfleisch nimmt die pikanten Noten der Seemannsspeise besser auf als das übliche gepökelte Rind. Man kaut und schaut zu den Kränen am anderen Ufer, wo kein Schauermann mehr gebraucht wird.

Eine letzte Frage an den Service: Der aufgespießte Würfel da im Labskaus, was stellt denn der wohl dar? "Das ist der Rollmops." Verwunderung beim Gast: Ist Rollmops kein gerollter Hering? "Er muss nicht immer gerollt sein", erklärt der Kellner. Weil er ein netter Kerl ist, fragt er trotzdem nach. Und kommt gestärkt aus der Küche zurück: Doch, doch, er habe schon richtiggelegen. "Nur war es heute kein Hering, sondern Kabeljau."