Ein simples Warnschild muss entworfen werden, auf radioaktiven Müll soll es hinweisen. Das kann ja wohl nicht so schwer sein: hier ein Totenkopf, da ein flüchtender Mensch, dann das bekannte Flügelrad als Symbol für Strahlung – fertig. Ziemlich einfach, oder? Ganz und gar nicht. Denn die Warnung muss noch in 100.000 Jahren verstanden werden – so lange strahlt mancher Atommüll.

Wird das Totenkopfsymbol noch derart abschrecken, dass Menschen den Ort meiden, an dem unser strahlendes Erbe vergraben ist? Das ist ungewiss. Identifiziert man in 100.000 Jahren das Flügelrad als Zeichen für gefährliche Strahlung? Das ist schon ziemlich unwahrscheinlich. Bereits heute geschieht es, dass Menschen das Warnsignal für einen Propeller halten und sich in tödliche Gefahr begeben.

100.000 Jahre – das ist so unvorstellbar weit in der Zukunft, dass man sich etwas Besonderes ausdenken muss. Klar ist: Wenn überhaupt ein Warnschild diese Aufgabe lösen kann, dann wird es infografisch gestaltet sein. Wörter können das nicht. In 10.000 Jahren wird vermutlich niemand mehr verstehen, was heute gesprochen und geschrieben wird.

Seit Anfang der achtziger Jahre stellt sich die Menschheit ernsthaft der Herausforderung. Zunächst waren es vor allem Kommunikationsexperten, die sich darüber Gedanken machten, etwa der amerikanische Linguist Thomas Sebeok. Er grübelte in der sogenannten Human Interference Task Force der US-Regierung über eine Lösung des Problems – und kam auf die kuriose Idee, einer "Atom-Priesterschaft" die Aufgabe zu übertragen, das Wissen um die Gefahren des Atommülls von Generation zu Generation weiterzuerzählen. Gleichzeitig entstand eine grafische Warnung in der Task Force: eine Bildergeschichte, an deren Ende ein Mensch auf dem Boden liegt. Obwohl diese Infografik erst 30 Jahre alt ist, hat man schon heute Schwierigkeiten, ihre Aussage zu verstehen.

Der Berliner Linguistikprofessor Roland Posner trug dann 1990 in einem Buch einige Lösungsvorschläge von Wissenschaftlern zusammen und machte das Thema einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Auch er kam zu dem Schluss, dass Menschen das Wissen um die atomaren Gefahren überliefern sollten. Allerdings wollte Posner mit der Aufgabe nicht Priester betrauen, sondern einen demokratisch gewählten Zukunftsrat.

Die Kommunikationsforscher Françoise Bastide und Paolo Fabbri wiederum entwickelten die Idee, das Erbgut von Katzen zu manipulieren. Ihre Fellfarbe sollte bei erhöhter radioaktiver Strahlung wechseln. Diese Katzen würden in der Nähe der belasteten Gebiete angesiedelt werden. Damit war der Höhepunkt an Absurdität erreicht.

Inzwischen versuchen sich Forscher einer ganz anderen Disziplin an der Aufgabe: Archäologen. Sie müssten eigentlich gut gerüstet sein dafür. Immerhin ist es ihr tägliches Geschäft, Botschaften aus der Vergangenheit zu entziffern. Sie ahnen also etwas von der Problematik, mit der sich die Menschen in ferner Zukunft beschäftigen werden. In Schweden läuft gerade ein aktuelles Warnzeichenprojekt mit Archäologen, dessen Ergebnisse dieses Jahr erwartet werden.

Aber vielleicht besinnt man sich auch auf ein existierendes Zeichen, weltweit als Kurzmeldungs-Emoticon bekannt, populärer als das Flügelrad: Edvard Munchs Der Schrei. Infografisch nicht zu schlagen.