Wir wissen nicht, wann der erste Mensch einen Stock zur Hand genommen hat, um eine Erklärung in den Sand zu kratzen. Überliefert sind nur jene Botschaften, die unseren Urahnen wichtig genug waren, um diese mühsam in den Fels zu ritzten, Linie für Linie, wieder und wieder. Geblieben aber ist der Impuls, der uns früher zu Stock oder Stift greifen ließ und heute vermehrt Grafiksoftware einsetzen lässt: wichtige Informationen über den leistungsstärksten Sinneskanal weiterzugeben, den wir Menschen haben, unser Auge.

Über Hunderttausende von Jahren hat sich der Mensch zum "Augentier" entwickelt, nahezu die Hälfte unserer Großhirnrinde ist an der Verarbeitung optischer Reize beteiligt. Die Grafik ist älter als ihr abstrakter Bruder, der Text. Zwar bot die Erfindung der Schrift ungeahnte Möglichkeiten, um Fantasien, Erinnerungen und Entdeckungen festzuhalten. Doch das Lesen ist eine mühsame Angelegenheit, Buchstaben sind zunächst Fremdkörper für unsere Synapsen. Zeichnungen und Schaubilder dagegen können wir schnell und direkt aufnehmen. Und eine markante Zeichnung bleibt uns als Ikone besser im Gedächtnis als ein abstrakter, in Sprache und Schrift gegossener Gedankengang.

Das ist wohl auch der Grund, warum der Journalismus – egal, ob auf Papier oder im Netz – zunehmend auf Infografiken setzt, um Informationen schnell und anschaulich zu vermitteln. Je unübersichtlicher die Welt wird, je mehr wir den Durchblick suchen, desto wertvoller werden die Landkarten des Denkens.

Das Instrumentarium der Infografik wurde über Jahrhunderte hinweg perfektioniert. Die Zeichen und Zeichnungen wandelten sich, wurden abstrakter, universeller. Mit den Fortschritten der Drucktechnik wurde die Verbreitung von Grafiken massentauglich, mit moderner Software lassen sie sich auch vergleichsweise einfach und schnell am Computer erstellen. Heute kann jeder Laie in Excel eine Tabelle abstrakter Zahlen per Mausklick in ein buntes Diagramm verwandeln.

Vollends unverzichtbar werden Grafiken im anbrechenden Zeitalter von Big Data. Nie zuvor gab es so gewaltige Berge von Daten, nie zuvor so unvorstellbar große Zahlen, nie zuvor undurchsichtigere Vernetzungen. Wer kann sich schon etwas vorstellen unter der Zahl, die den Jahresumsatz von Apple beziffert (156.500.000.000 Dollar)? Wie könnte der ausufernde Zugriff der NSA verständlich beschrieben werden? Der neue Datenjournalismus wäre unmöglich ohne mächtige grafische Werkzeuge.

Dabei vergisst man leicht, dass auch Grafiken die Welt nicht einfach so abbilden, wie sie ist, sondern immer schon selektieren und interpretieren. Denn gerade in der einfachen Begreifbarkeit steckt auch eine Gefahr. Unsere Sehnsucht danach, dass komplexe Zusammenhänge aufs Wesentliche reduziert werden, macht uns korrumpierbar: Schnell glauben wir jemandem, der uns den Durchblick verspricht. Ein Text kann relativieren, kann mehrere Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Perspektiven zu Wort kommen lassen. "In einem Textbeitrag gibt es viel mehr Möglichkeiten, mit Unschärfe umzugehen", erklärt Michael Stoll, Professor für Gestaltung in Augsburg. Die Grafik dagegen behauptet stets: So ist es! Sie kennt keine Zwischentöne und keinen Konjunktiv. Wenn in einer Infografik ein rotes Auto zu sehen sei, dann gehe der Betrachter davon aus, dass dieses Auto auch tatsächlich rot ist, sagt der Infografik-Experte Stoll.

Grafiken bilden die Wirklichkeit nicht einfach ab. Das beginnt schon mit der Auswahl der Daten. Deren geschickte Gegenüberstellung kann Zusammenhänge suggerieren, wo keine bestehen. Und die Grafiker kennen eine Menge Tricks, nüchterne Zahlen in manipulativer Absicht so zu präsentieren, dass im Ergebnis eine illustrierte Augenwischerei entsteht oder gar eine bunte Lüge.

Auch die ZEIT-Grafiken wandeln auf dem schmalen Grat zwischen solider Information und schöner Illusion – jede Woche muss die Balance aufs Neue gefunden werden. Vor dem Willen zum Dekor muss da zunächst die Strenge des Buchhalters walten. Der US-amerikanische Infografik-Guru Edward R. Tufte geht mit statistikmüden Illustratoren hart ins Gericht: Infografik sei eben kein exklusiv künstlerisches Unterfangen. "Wenn die Statistik langweilig ist, dann hast du die falschen Zahlen", schreibt Tufte. Eine schöne Zeichnung nützt also nichts, wenn die Zahlen nichts hergeben. Daher recherchieren gute Infografiker erst die richtigen Zahlen – und lassen sie dann gut aussehen.

Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich dem Metier durch das Internet. Per Animation werden Zeitverläufe anschaulich. Interaktive Grafiken ermöglichen es dem Nutzer, selbst durch große Datenmengen zu navigieren und etwa den Haushalt einer Kommune bis zum letzten Einzelposten zu durchstöbern.

So ist es kein Wunder, dass Infografiken heute zu echten journalistischen Scoops beitragen. Das investigative Projekt Top Secret America, in dem die Washington Post im Jahr 2010 die Verflechtungen der US-Geheimdienste enthüllte, wurde erst durch seine grafische Umsetzung für die Öffentlichkeit greifbar. Manchen gilt es gar als die größte Story der Post seit Watergate – nur eben in Bunt.