Der hundertste Jahrestag des Ersten Weltkriegs ist gefeiert, lange bevor der Kriegsbeginn sich Anfang August 2014 jährt, auch fast alle Bücher sind längst da – jetzt aber ist das wohl gewichtigste von ihnen erschienen: Jörn Leonhards großes Buch zum Großen Krieg, Die Büchse der Pandora. Im vergangenen Herbst hatte der Historiker Christopher Clark mit seinem viel gelesenen Buch Die Schlafwandler bewiesen, dass das Thema der Julikrise und der deutschen Kriegsschuld noch nicht ausgereizt ist. Doch der Freiburger Jörn Leonhard distanziert sich deutlich von Clarks Bild: Die Entscheidungsträger 1914 seien alles andere als betäubt gewesen. Hellwach, sogar überreizt waren sie. Angespornt durch ihre sozialdarwinistischen Vorstellungen über das Weltgeschehen, waren sie nicht mehr gewillt, die Balkankrise einzuhegen. Sie zogen in den Krieg, um der Komplexität des Friedens zu entkommen. Aber während Clark sich auf den Kriegsausbruch beschränkt, ist die Julikrise für Leonhard nur der Auftakt zu einer großen Erzählung des gesamten Krieges.

Er beginnt am Nachmittag des 1. August 1914, als die Kinder von Thomas Mann ihre Aufführung des Pandora-Mythos unterbrechen mussten, um vom Vater die gewaltigen Nachrichten der Kriegserklärung an Russland vorgelesen zu bekommen. Die Kinder wunderten sich über den pompösen Vortrag ihres Vaters. Aber Mann übertrieb nicht. Die Welt sollte nie wieder die Gleiche sein.

Indem er den Krieg selbst zum Hauptthema macht, folgt Leonhard den Trends der Historikerzunft in den letzten Jahrzehnten. Nicht die Diplomatie der Julikrise, sondern die Kriegserfahrung und das Trauma des Krieges selbst sind seit den achtziger Jahren die Hauptthemen. Die Geschichte des Weltkrieges ist eines der Hauptfelder, auf denen die neue Kulturgeschichte, zum Teil aus der Anthropologie schöpfend, die Moderne in all ihren Facetten erforscht hat. Der Krieg wird als "anthropologischer Schock" verstanden, der wie Auschwitz und Hiroshima das Jahrhundert als Zeitalter der Extreme markierte. Er war das erste Glied in dieser katastrophalen Kette: die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Wie ist ein solches Ereignis geschichtlich zu fassen? Der Krieg, stellt Jörn Leonhard selbst fest, entzog sich den Versuchen der Zeitgenossen, ihn zu begreifen. Die Kampfhandlungen waren unfassbar in ihrer Gewalt. Zehntausende fielen in wenigen Minuten. Das Schlachtfeld war unüberschaubar. Hunderttausende Leichen waren nicht mehr zu identifizieren.

Der herausragende Beitrag Leonhards ist es nun, zu zeigen, wie die internationale Forschung zur Erfahrung dieses unübersichtlichen Krieges in einer übergreifenden und umfassenden Erzählung zusammengefasst werden kann. Leonhard gelingt dies, ohne der Versuchung des Enzyklopädismus zu verfallen. Er schreibt flüssig und urteilsfreudig. Der Fußnotenapparat beschränkt sich aufs Wesentliche. Dies, man ist versucht, es zu sagen, ist eine deutsche Geschichte im britischen Stil.

Dazu gehört der Mut zur Lücke. Der Erste Weltkrieg war ein globales Ereignis. Und im globalen Trend der letzten Jahre hat die neueste Forschung den Krieg in Asien und Afrika zum Thema gemacht. Leonhard folgt diesem Zeitgeist nur begrenzt. Nach einigen erhellenden Ausführungen zum Krieg in West- und Ostafrika verschwindet die weite Welt weitgehend aus dem Narrativ. Aber wenn dies in der Tat eine europäische Geschichte ist, dann liegt Leonhards Leistung gerade darin, eine wirklich gesamteuropäische Geschichte geschrieben zu haben. Hier geht es nicht nur um die Schützengräben der Westfront. Das Ringen im Osten wird gebührend gewürdigt. Die Kämpfe in Anatolien und Mesopotamien werden ausführlich besprochen. Das Scheitern der Kriegsanstrengung der K.-u.-k.-Monarchie ist ein Leitmotiv.

Im Ergebnis bedeutet diese Orientierung nach Osten eine wirklich grundlegende Revision unseres Kriegsbildes. Jede Diskussion des Kriegsjahres 1916 kreist gewöhnlich um die Schlachten in Verdun und an der Somme. Leonhard zeigt, dass ihre Verluste in den Schatten gestellt wurden durch die Kämpfe in Galizien und den Karpaten. Das wiederum bietet den Hintergrund für eine Umdeutung der Krise der russischen Heimatfront, die 1917 zur Auflösung des Zarenreiches führte. Für Leonhard war die Russische Revolution nicht so sehr ein Symptom der Rückständigkeit als das Ergebnis einer gewaltigen kriegsbedingten Modernisierungskrise.