Nichts macht die Nach-68-Geborenen so müde wie der Aufruf zum Protest. Es begann mit den Eltern ("Sag ruhig, wenn du sauer auf mich bist"), ging weiter mit den Lehrern ("Wer möchte ein Lied gegen Tschernobyl singen?") und endete bei den Professoren ("Warum sind Sie nicht beim Streikfrühstück im Audimax?"). All diese Erziehungsberechtigten meinten es gut; sie wollten die Kinder dazu erziehen, den Erwachsenen nicht gefallen zu müssen.

Im deutschen Kulturbetrieb allerdings ist die Pädagogik ohne Wirkung geblieben. Hier wollen offensichtlich junge Menschen den älteren unbedingt gefallen. So schreibt es Hannelore Schlaffer in der FAZ: "Junge Leute machen Kultur für alte Leute." Oh Gott! Der Generationenkonflikt fällt aus. Stattdessen führen "Jugendliche" Theaterstücke und Lesungen auf, die sich gut verdienende Silver Ager ansehen.

Mal davon abgesehen, dass keine Jugendlichen in den Kulturbetrieben arbeiten, sondern eher junge bis sich mittelalt fühlende Erwachsene: Bringt uns die Angst, dass Kultur zur Rentnerbespaßung verkommt, irgendwie weiter? Sollen wir jetzt schon mit der Altersdiskriminierung beginnen? Der demografische Wandel hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Ja, der Generationenkonflikt war einmal die Reibfläche, an der Kunst und Kultur sich erneuerten. Er ist es nicht mehr, jedenfalls nicht in Deutschland. Die Frage ist heute eher: Wird Kultur genug geschätzt als Gegengewicht zum ökonomisierten Alltag? Oder ist sie selbst so vom Effizienzdenken infiziert, dass sie gar nicht mehr imstande ist, andere Welten zu entwerfen? Hier hat Hannelore Schlaffer recht: Der um sich selbst kreisende Kulturnarziss ist ein Kind unserer Zeit. Und es stimmt auch, dass Berufstätige wenig Zeit dafür haben, ein Buch zu lesen oder ein Computerspiel zu spielen. Außer, sie arbeiten im Kulturbetrieb. Da darf man das alles tun und bekommt sogar ein Taschengeld dafür.

Insofern ist es logisch, dass junge Kulturliebhaber Kulturberufe wählen. Rührende Gestalten sind sie, die einen Sinn dafür haben, dass es tatsächlich schon Große vor ihnen gab, "Riesen, auf deren Schultern wir stehen", und die nicht glauben, dass deren Erbe Schnee von gestern ist, nur weil jetzt Neuzeit ist und Digitalisierung und so. Sie sind anders, als ihre Eltern sie sich vorgestellt haben. Man sollte sie nicht mit veralteten Protestwünschen belästigen. Sie müssen lesen und ferne Länder verstehen und lernen, wie man Algorithmen programmiert, und die Menschheit vor bösen kulturlosen Zwergen beschützen. Irgendwann werden sie sich auch um jüngere Zielgruppen kümmern. Wär das okay?